stellungnahme des psychosozialen Zentrums Sachsen Anhalt
Stellungnahme zu den Auswirkungen der Unterbringung von Flüchtlingen in einer Gemeinschaftsunterkunft auf ihre psychische und physische Gesundheit Das Psychosoziale Zentrum für MigrantInnen in Sachsen-Anhalt ist die einzige spezialisierte Einrichtung für die psychologische Betreuung und Therapie von Flüchtlingen in Sachsen-Anhalt.
Seit 2006 unterstützen wir Kriegsflüchtlinge, politisch Verfolgte und Opfer organisierter Gewalt, die ihr Land verlassen mussten und psychologische Hilfe suchen. Viele unserer KlientInnen, die wir seit unserer Gründung psychologisch behandeln, waren oder sind in verschiedenen Gemeinschaftsunterkünften für Asylbewerber und geduldete ehemalige Asylbewerber untergebracht und dies oft über etliche Jahre. Auch BewohnerInnen der Gemeinschaftsunterkunft in Möhlau gehören zu unseren KlientInnen. Einige, unter ihnen auch
Familien mit Kindern, leben seit ihrer Ankunft in Deutschland in Gemeinschaftsunterkünften, manche schon seit insgesamt 10 Jahren!
Die Erwachsenen und Kinder, die nach mehrmonatiger Flucht in Deutschland ankommen und einen Asylantrag stellen, haben oft traumatische Erlebnisse hinter sich (politische Verfolgung, Gefängnis, Folter, Gewalt, Hunger). Sie haben die Hoffnung, dass Deutschland sie aufnimmt und ihnen Schutz und ein menschenwürdiges Leben gewährt. Der Verlust der Heimat, der Familie und Freunde, der Sprache und Kultur bedeutet extremen psychischen und physischen Stress und ist ein tief einschneidendes Lebensereignis, das das ganze zukünftige Leben prägt.
Diese Menschen benötigen eine geschützte, ruhige Unterbringung, Betreuung und Hilfe, die Möglichkeit Kontakt zu vertrauten Landsleuten oder Angehörigen, die evtl. auch in Deutschland Zuflucht gefunden haben, aufzunehmen und perspektivisch auch den Kontakt zu Deutschen und zur deutschen Sprache.
Nach dem ersten, durchschnittlich 3 – 6 monatigen Aufenthalt in der Zentralen Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber werden sie dann auf die dezentralen Gemeinschaftsunterkünfte des Bundeslandes verteilt. Diese Unterkünfte sind überwiegend nicht dazu geeignet, den Flüchtlingen eine neue Heimat zu geben. Sie werden meistens unter
wirtschaftlichen Gesichtspunkten von privaten Betreibern geführt, d. h. die Kosten müssen durch eine gute „Auslastung“ finanziell gedeckt werden, wenn nicht sogar wirtschaftlich rentabel sein. Es ist nicht das Ziel, den Flüchtlingen eine geschützte, menschenwürdige Unterbringung zu gewähren, sondern sie vorübergehend unterzubringen, bis zur Entscheidung über den Asylantrag oder eine Aufenthaltserteilung oder bis zur zwangsweisen Abschiebung in ihre Herkunftsländer, die sich oft über Jahre hinziehen kann. Eine Integration in die deutsche Aufnahmegesellschaft ist erstmal nicht erwünscht. Im Gegenteil: die isolierte, meist weitab von Ortschaften gelegene Unterbringung der Flüchtlinge birgt die große Gefahr, dass bei den deutschen Bewohnern der nahe gelegenen Ortschaften Angst vor den Fremden entsteht, die dort gemeinsam untergebracht sind und zu denen kaum Kontakt besteht.
Sowohl aus eigener Beobachtung als auch aufgrund unserer mehrjährigen therapeutischen und sozialarbeiterischen Erfahrung können wir zu der Unterbringung von Flüchtlingen in Gemeinschaftsunterkünften – und dies gilt ebenso für die Unterkunft in Möhlau - folgende Aussagen treffen:
Die Lebenssituation der Flüchtlinge in der Gemeinschaftsunterkunft Möhlau ist gekennzeichnet durch:
- dichtes Zusammenleben von stark psychisch belasteten Personen (Ursachen: unsicherer Aufenthaltsstatus, traumatische Erfahrungen (Krieg, Verfolgung, Verhaftung, Gewalt, Folter, Flucht) mit Depressionen, Alkoholabhängigkeit, verschiedenen psychischen und
psychosomatischen Krankheiten, Frustration.
Folge : erhöhte allgemeine Anspannung und Konfliktprävalenz, weil der alltägliche Lebensraum keinen sicheren Rahmen darstellt und beständig durch die unvorhersehbare und unkontrollierbare Anwesenheit der anderen Personen bedroht wird.
- fehlende Privatsphäre. Mehrere Personen teilen sich Bad und Küche, Alleinstehende teilen sogar das Zimmer mit völlig Fremden.
Folge: Die Flüchtlinge haben keinen Rückzugsraum, keinen Gestaltungsspielraum und keine Kontrolle des Lebensraumes.
- das Zusammenleben extrem unterschiedlicher Kulturen - Sprache, Bräuche, Wertvorstellungen -, was ein Miteinander erschwert:
Folge: keine Kommunikationsmöglichkeiten, da ohne Anrecht auf Sprachkurs, auch keine gemeinsame deutsche Sprache entstehen kann, Misstrauen, Missgunst, unterschwellige Aggressionen
- Lärm und mangelhafte Hygiene (Kakerlaken, Dreck) Folge: gesundheitliche, inkl. psychische Belastung – Überreizung der Stresstoleranz, Ekel, Konflikte durch unterschiedliche Wertvorstellungen. - das Fehlen von sicheren Spiel- und Freizeitmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche:
vorhandene Spielfläche wird von Erwachsenen als Aufenthaltsplatz genutzt: Verletzungsgefahr durch Scherben, Spielstörung durch die Erwachsenen.
Folge: Einschränkung des Bewegungsspielraums der ganzen Familie, weil Kinder im Zimmer behalten werden und dort ihren natürlichen Drang zum Austoben ausleben wollen.
Kinder laden keine Spielkameraden von außerhalb ein, aus Scham über die Wohnsituation.
- besondere Belastungsgefahr der Kinder, die die anhaltende Stresssituation (unsicherer Aufenthalt, Ausgrenzung/ Diskriminierung in der Schule, keine Beteiligungsmöglichkeiten an Freizeitaktivitäten/ mangelnde soziale Integrationsmöglichkeiten, Verantwortung gegenüber den Eltern) selbst erleben, eigene Ängste haben, darüber hinaus neue entwickeln und außerdem die extreme Belastung der eigenen Eltern sowie der anderen MitbewohnerInnen miterleben und deren Auswirkungen (Konflikte, Schweigen, Aggressionen, emotionale Kälte, Grenzüberschreitungen, Apathie, Rückzug der Bezugspersonen) erleiden. Dies hat bei einigen
Kindern zur Folge, dass bei ihnen psychische Störungen auftreten, die ähnlich der ihrer Eltern sind.
- fehlende bzw. extrem eingeschränkte Anbindung der Unterkunft:
weite Wege, eingeschränkte Mobilität (Bus fährt selten, muss aus eigener Tasche bezahlt werden) hinsichtlich der Erreichbarkeit von:
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psychotherapeutischer Versorgung im Psychosozialen Zentrum, Halle
(deshalb sind nur Termine in zeitlich größeren Abständen möglich)
medizinischer Versorgung: Ärzte, Apotheken Behörden
Einkaufsmöglichkeiten des täglichen Bedarfs weiterführenden Schulen (in Möhlau gibt es nur einen Kindergarten und eine Grundschule )
sozialen Treffpunkten, Freizeit, Sport, div. Beratungseinrichtungen
kulturellen Einrichtungen Lage der GU im Wald bedeutet: der Fußweg kann, aufgrund des unübersichtlichen Geländes Gefahren bergen, bedeutet: erhöhte Angst bei Dunkelheit aufgrund der Abgeschiedenheit.
- eine besondere Gefahrenlage: aufgrund der Abgeschiedenheit und des anonymen Zusammenlebens, ohne 24h-präsentes zuständiges Personal besteht eine erhöhte Gefahr bei Brand und Notarztbedarf (siehe auch Vorfälle in GU Sangerhausen, GU Harbke)
Folge: erhöhtes Unsicherheitsempfinden bei den Bewohnern
- beständige Anspannung durch wiederholt in den Morgenstunden miterlebte Razzien und Abschiebungen mit starker Polizeipräsenz, tw. schwerbewaffnet, tw. mit Suchhunden,
meist ohne Erklärungen. Das führt immer wieder zu einer Situation, die für die BewohnerInnen unverständlich und Angst auslösend ist, weil sie befürchten, selbst davon betroffen zu werden.
Folge: Verstärkung der Stress- und Angstfaktoren bei Erwachsenen und Kindern
- wiederholtes Miterleben von Suiziden und Suizidversuchen durch Sprung aus dem Fenster, miterlebt von Erwachsenen und Kindern
Folge: (Re-)Traumatisierung, erlebte Hilflosigkeit Aus den zuvor detailliert dargestellten extremen Belastungen, denen die BewohnerInnen in der GU Möhlau ausgesetzt sind, ergeben sich für uns folgende Schlussfolgerungen:
Die Flüchtlinge sind beständig von einem sozialen Leben abgeschottet.
Sie sind auf sich und den engsten Familienkreis - falls vorhanden – beschränkt. Das führt zu Anspannungen, Konflikten, Aggressionen, für die es keine Möglichkeit gibt, sie außerhalb abzubauen. Daraus ergibt sich die Gefahr der Deprivation und somit einer außerordentlichen psychischen Belastung, bis hin zu psychischer Erkrankung, die die ohnehin zum Großteil extrem gestressten Menschen weit über die Maßen bedrohen.
Viele unserer KlientInnen sind psychisch krank geworden durch diese jahrelangen Belastungen, die das Wohnen in der GU für sie bedeutet.