Mut | 02.03.2011 17:30 | Sara Mously
Wantchoucou traut sich
Seit Jahren verfrachtet der Kreis Wittenberg Asylbewerber in ein verdrecktes Heim mitten im Wald. Doch jetzt organisiert ein Bewohner Widerstand – mit Erfolg
Sein rechter großer Zeh schaut aus einem Loch in seinem Strumpf. Salomon Wantchoucou sitzt vor seinem vergilbten Computermonitor und tippt, wie so oft. Auf Tisch und Fensterbank stapeln sich Bücher: die Bibel, der Koran, „Der Hausanwalt“ und ein Schülerduden mit dem Titel „Politik und Gesellschaft“. Die Internetverbindung ist mal wieder schlecht. „Das liegt am Wind“, sagt er, „und an den hohen Bäumen überall.“ Doch der 38 Jahre alte Mann aus Benin hat Geduld. Schließlich geht es um seine Freiheit.
Ill.: Benjamin Güdel
In den vier Stockwerken des grauen Plattenbaus, in dem Wantchoucou vor seinem Computer sitzt, leben auch etwa 200 andere Asylbewerber. Es ist eine „Gemeinschaftsunterkunft“, zwei Kilometer hinter dem Dorf Möhlau in Sachsen-Anhalt, mitten in der Einöde. Die übrigen Gebäude auf dem Gelände stehen leer, ihre Türen sind mit Brettern vernagelt, die Scheiben eingeschlagen. Ein hoher Zaun umgibt das Grundstück, drum herum ist nichts als Wald. Im Hof hat jemand ein altes Wandrelief frei gekratzt: Es zeigt Sowjetsoldaten, ihr Blick stahlhart und grimmig. Vor der Wende war das Lager eine Kaserne der russischen Armee. Damals gab es hier Bars, Geschäfte, ein Kino. Heute pfeift der Wind durch die undichten Fenster. Ins Dorf ist es eine halbe Stunde zu Fuß, von da aus fährt nicht einmal alle Stunde ein Bus zur nächsten Stadt Gräfenhainichen.
Warten, immer wieder warten
Wantchoucou hat vor fast zehn Jahren in Deutschland Asyl beantragt. Seitdem hat er keine Arbeitserlaubnis, keine eigene Wohnung. Er konnte weder sein Studium beenden, noch eine Familie gründen. Er ist bis heute nur geduldet, weiß nie, ob er vielleicht doch noch abgeschoben wird. In Benin, sagt der Politikaktivist, fürchte er um sein Leben. Vier Mal hat er bisher Asyl oder eine Aufenthaltsgenehmigung beantragt. Mal dauerte es ein Jahr, manchmal zwei Jahre, bis eine Antwort kam – und immer lehnten die Behörden ab. Er könne ja auch ein Wirtschaftsflüchtling sein, unterstellte man ihm. Einen Pass konnte er nicht vorlegen: Er sei mit den Papieren eines Freundes geflohen, sagt er, weil er befürchtet habe, dass ihn die Beniner Grenzbeamten festnehmen würden. Schließlich gelang es ihm, eine Kopie seiner Geburtsurkunde aus seiner Heimatstadt zu beschaffen und sie der deutschen Ausländerbehörde vorzulegen. Das ist jetzt ein Jahr her. Eine Antwort hat er noch nicht erhalten.
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