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Abschiebung Kosovo

Weserkurier vom 17.10.2010

Shalas aus Rotenburg ins Kosovo abgeschoben
Heimatlos und ohne jede Perspektive

Von Daniela Schröder

Rotenburg. Lulzim Shala und seine Familie leben in einem Land, dessen
Sprache sie nicht sprechen und in einem Land, indem sie verachtet
werden. Im März wurde die Roma-Familie aus Rotenburg abgeschoben. Im
Kosovo haben sie aber keine Perspektive.

Die kleine Wanduhr zeigt halb zwei. Lulzim Shala guckt auf die Uhr, nur
ganz kurz, dann guckt er wieder auf seine Hände. 'Um diese Zeit musste
ich auf der Arbeit sein', sagt er. Shalas Arbeit, das war die
McDonalds-Filiale im niedersächsischen Rotenburg. Ein Jahr lang hatte er
dort Burger gebraten und verkauft, die Chefin war hoch zufrieden und
wollte ihm einen unbefristeten Vertrag geben, auch für seinen ältesten
Sohn Nazmi hatte sie einen Job.

Doch die beiden konnten ihre Stellen nie antreten. Vergangenen März
wurde Familie Shala in den Kosovo abgeschoben. Nach Peja, eine Stadt im
Westen des Kosovo. Vor fast 22 Jahren waren Lulzim (40) und Ajshe Shala
(36) von dort aus nach Deutschland geflüchtet. Als Angehörige der
Roma-Minderheit sah das junge Paar kurz vor Ausbruch der Balkankriege
keine Zukunft im Kosovo. Ihren Asylantrag lehnten die deutschen Behörden
ab, nach kurzer Zeit im Erstaufnahmelager kamen sie nach Rotenburg.

Bleiberecht in Deutschland

Kurz nachdem Nazmi 1989 geboren war, zogen seine Eltern mit ihm auf
einem 'Bettelmarsch' der Roma quer durch ganz Deutschland. Die Menschen
bettelten beim deutschen Staat um ein Bleiberecht. 'Wir liefen uns die
Füße wund', sagt Ajshe, 16 Jahre war sie damals. Geholfen hat es den
Shalas nicht, die Ausländerbehörden machten von Anfang an Druck auf die
Familie. Immer wieder sollten sie ausreisen, Eltern und Kinder bekamen
nur befristete Duldungsbescheide, außerdem hatten sie Arbeitsverbot.

Nach 16 Jahren in Deutschland gab es eine Aufenthaltserlaubnis,
ausgestellt für ein Jahr. Doch sie wurde für keines der
Familienmitglieder verlängert. Der Grund: Vater Lulzim hatte für einen
Schrotthändler Altmetall gesammelt, ohne es dem Sozialamt zu sagen,
dafür wurde er wegen Betrugs verurteilt. Vor Gericht bekannte er sich
sofort schuldig, zahlte dem Landkreis die unberechtigt empfangene
Sozialhilfe zurück und stotterte 1350 Euro Geldstrafe ab. Seit dem
Gerichtsurteil gilt Lulzim Shala den Behörden als Straftäter.

Freundlich und hilfsbereit

In Rotenburg galten er und seine Familie als freundlich und hilfsbereit,
alle vier Söhne sind dort geboren und aufgewachsen. 'Meine Schule heißt
Grafel-Schule', erzählt Halil (8) und schiebt ein kleines Plastikauto um
die Wassergläser auf dem Esstisch. Warum ist er jetzt nicht mehr dort?
Halil schweigt und wartet, aber niemand antwortet für ihn. 'Das weiß ich
nicht', sagt er irgendwann.

Im Kosovo geht Halil nicht zur Schule. Seitdem die Haustür eines Nachts
eingeschlagen wurde, trauen sich die Brüder nicht mehr alleine auf die
Straße. Sie haben Angst, dass sie verprügelt werden, Roma-Kinder aus der
Nachbarschaft kämen oft mit blutigem Gesicht aus der Schule. Außerdem
können die Shala-Söhne kein Albanisch oder Serbisch. 'Wir sprechen
Deutsch', sagt Lutfi (17). 'Was denn sonst?'

Über ein deutsches Bund-Länder-Projekt hat die Familie nach der Ankunft
im Kosovo pro Person 50 Euro für Lebensmittel und 75 Euro für
Arztbesuche und Medikamente bekommen, beides eine einmalige Zahlung.
Zudem erhielten sie Geld für Möbel und ein halbes Jahr lang einen Teil
der Miete. Nun müssen die Shalas alleine klar kommen. 'Vielleicht
verkaufe ich einen meiner Söhne', sagt Lulzim und versucht über sich
selbst zu lachen, es klappt nicht.

Lutfi ist starker Diabetiker, bei seiner Mutter diagnostizierten
deutsche Ärzte posttraumatische Belastungsstörungen. Eine von Ajshes
Cousinen wurde im Krieg vergewaltigt und ermordet. Als Ajshe davon
erfuhr, bekam sie Wahnvorstellungen und Selbstmordfantasien. Die
ständigen Abschiebedrohungen, das Leben in der Schwebe, verschlimmerten
ihren labilen Zustand.

Nötige Medikamente fehlen im Kosovo

In Deutschland war sie in psychiatrischer Behandlung, die Symptome der
Krankheit konnte sie mit einem Medikament unterdrücken. Jetzt hat die
Familie kein Geld für einen Therapeuten, und das Medikament gibt es
weder im Kosovo noch im benachbarten Mazedonien. 'Ich habe Angst, dass
die Anfälle wieder anfangen, und ich mich nicht um die Kinder kümmern
kann', sagt Ajshe und nimmt Ferdi (2) auf ihren Schoß, der verschlafen
in der Tür steht.

Wo sie in der nächsten Woche wohnen werden, das wissen die Shalas nicht,
wie sie überhaupt Miete zahlen sollen auch nicht. Die zerschlissenen
Sofas, ihre beiden Tische und die drei Eisenbetten wollen sie wieder zu
Geld machen. 'Wie soll ich sonst unser Essen bezahlen?' fragt Lulzim.
'Wir haben hier keine Verwandten, die uns helfen können, wir kennen hier
niemanden mehr. Und wenn ich jemanden nach Arbeit für uns frage, dann
sagen sie mir: Wir haben selbst keinen Job. Außerdem seid ihr Roma.'

Im Kosovo, dem ärmsten Staat in Europa, ist fast jeder Zweite
arbeitslos. Bei den Roma liegt die geschätzte Arbeitslosenquote bei mehr
als 90 Prozent. Nach Angaben der kosovarischen Regierung müssen fast 40
Prozent der Roma mit umgerechnet einem US-Dollar pro Tag auskommen -
laut internationalem Standard ein Leben in extremer Armut. Entsprechend
schlecht sind die Zukunftsaussichten der kommenden Generation: Nur ein
Viertel der Roma-Kinder geht auf eine weiterführende Schule, lediglich
eins von einhundert macht Abitur.

Schon vor dem Kosovo-Krieg Ende der 1990er waren die Roma diskriminiert,
der Konflikt zwischen Albanern und Serben hat die Situation der
Minderheit noch verschlimmert. 'Roma gelten heute als Verräter, die der
jeweils anderen Seite gedient haben', sagt der kosovarische Anwalt Hil
Nrecaj. Ob Arbeit, Schule, Gesundheitswesen oder Wohnen - die
Diskriminierung der Roma sei keine Ausnahme, sagt Nrecaj, 'das ist bei
uns Alltag.'

Wer aus dem Ausland ins Kosovo abgeschoben wird, urteilt die
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), den
unterstütze die Regierung in Pristina ohnehin nicht. Es gebe zwar eine
staatliche Integrationsstrategie, doch die existiere nur auf dem Papier.
Kein Wunder, sagt Sami Kurteshi, der unabhängige Ombudsmann des Kosovo:
'Die Roma stellen im Kosovo keine politische Kraft dar, sie sind ohne
politische Lobby, niemand ist auf ihrer Seite'. Zwar seien im Parlament
20 Sitze für Minderheitenangehörige vorgesehen, 'aber für unsere Politik
zählen als Minderheit allein die Serben.'

Nicht nur Menschenrechts- und Flüchtlingsorganisationen wie Amnesty
International und Pro Asyl sowie der Menschenrechtskommissar des
Europarates haben immer wieder über die katastrophale Lage der Roma im
Kosovo berichtet und einen Abschiebestopp aus Deutschland gefordert.
Auch der Generalsekretär der Vereinten Nationen hat mittlerweile vor
Zwangsrückführungen ins Kosovo gewarnt.

10000 Flüchtlinge

Doch die Bundesregierung hält am Vollzug der Gesetze fest. In
Deutschland leben derzeit 12.000 Angehörige von Minderheiten, die ins
Kosovo ausreisen sollen, darunter 10.000 Roma-Flüchtlinge. Fast die
Hälfte sind Kinder und Jugendliche unter 18, zwei Drittel von ihnen
wurden in Deutschland geboren. Für die deutsche Abschiebepraxis spielt
das keine Rolle. Angehörige von Minderheiten seien aufgrund ihrer Ethnie
im Kosovo nicht mehr gefährdet, heißt es in Stellungnahmen der Regierung
immer wieder, die soziale und wirtschaftliche Lage im Land sei kein
Grund gegen eine Abschiebung.

Im vergangenen Jahr wurden 179 Minderheiten-Angehörige ins Kosovo
abgeschoben, in diesem Jahr zählte das kosovarische Innenministerium
bisher 218, darunter 151 Roma. Im vergangenen April erst haben Berlin
und Pristina ein Rückführungsabkommen geschlossen. Der kosovarische
Minister für Arbeit und Soziales Nenad Rasic hatte schon vorher erklärt,
warum seine Regierung unterschreiben werde: Bei einem Nein aus Pristina
hätte die Bundesregierung die finanzielle und politische Unterstützung
gekappt.

'Das Abkommen war reine Erpressung', sagt Ombudsmann Kurteshi. Aber er
sagt auch: 'Staaten können Flüchtlinge zurück schicken.' Allerdings
müssten sie dabei Verantwortung übernehmen und Hilfsprojekte auf die
Beine stellen, 'die mehr sind als ein kleines Feigenblatt.' Was jedoch
derzeit im Kosovo passiert, sagt Kurteshi, 'das ist eine Rückkehr ohne
jegliche Menschenwürde.'

Für die Söhne der Shalas ist es ohnehin keine Rückkehr. 'Ich kenne
dieses Land nicht, ich bin hier zum ersten Mal in meinem Leben', sagt
der Älteste, Nazmi. Er denkt an die Stelle, die er in Rotenburg bekommen
sollte, erzählt er.

Und er denkt an seine Freundin Ines. Wenn sie ihn anruft, dann sprechen
sie nur kurz. Nach Deutschland zu telefonieren, das hat sich Nazmi
seinen Eltern und Brüdern zuliebe verboten. Nazmi redet leise und
langsam wie ein betäubter Mensch. 'Ich werde verrückt', sagt er, er
flüstert es. 'Sagen Sie mir doch, was habe ich hier für eine Zukunft?'