No War - No Refugee
No NATO - No Refugee

Country Information

Here you find background information on Guinea, Iran, Kurdistan, Türkei.

You are here

Chronik aus Eisenhüttenstadt: Neuigkeiten aus der Abschiebefabrik

veröffentlicht in der KARAWANE-Zeitung "The VOICE of Refugees and Migrants" Ausgabe 7, März 2014

Chronik aus Eisenhüttenstadt: Neuigkeiten aus der Abschiebefabrik
Eine Chronik illegaler Abschiebungen aus Eisenhüttenstadt

English: Eisenhüttenstadt's Chronicle:
News from the Deportation Factory
A chronicle of illegal deportations from Eisenhüttenstadt

Mehr Infos über die Kämpfe der Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt unter:
http://lagerwatcheisen.blogsport.eu

Ich bin Flüchtling. Ich habe zweieinhalb Monate im offenen Lager in Eisenhüttenstadt verbracht. Jetzt gehöre ich zu einer Solidaritätsgruppe gegen dieses Lager.

Ich möchte meine Ansichten zur Situation von Flüchtlingen in Berlin und Brandenburg und meine Erfahrungen mit euch teilen. Wie ich eines Tages spürte, dass meine Freiheit zu Ende war: Ich befand mich im deutschen Asylsystem. Das Ende der Freiheit bedeutet, dass man nicht entscheiden kann, in welcher Stadt man leben möchte. Im Asylsystem stellt man zuerst einen Antrag auf Asyl in einer Stadt, in der man Freund_Innen hat, aber die Verantwortlichen trennen einen von diesen und bringen einen unter, wo sie wollen. Mir erging es genau so. Ich war in Eisenhüttenstadt. Als erstes möchte ich klarstellen, dass das eins der schlimmsten Lager auf der Welt ist. Im Lager befinden sich das Bundesamt, eine Polizeistation, die Ausländerbehörde, ein Abschiebegefängnis und ein Sicherheitsdienst, dessen Mitarbeiter_Innen sich wie Polizist_Innen benehmen. Wir, die Flüchtlinge, hielten die Mitarbeiter_Innen des Sicherheitsdienstes zuerst auch für Polizist_Innen.
Ich möchte vom Leben der Flüchtlinge im Lager berichten. Die MitarbeiterInnen kochen nur alle drei Tage frisches Essen. Flüchtlinge haben nicht das Recht, selbst zu kochen.

Es gibt keinen direkten Zugang zu medizinischer Versorgung.

Es herrscht ein repressives System, das uns von der Außenwelt isoliert. Es ist sehr schwierig, Besuch von Freund_Innen zu empfangen.

Die Zimmer und die Toiletten sind schmutzig.

Man darf das Lager nicht verlassen, bevor man die Asylanhörung hinter sich hat. Auch dann darf man sich nicht weiter als 14 km vom Lager entfernen. Außerdem darf man es nicht für mehr als sechs Stunden verlassen, wenn man keine Genehmigung hat - und diese Genehmigung zu bekommen, ist unmöglich. Wir haben es mehrmals versucht, sie aber nie bekommen - sogar wenn wir eine Einladung von einem Rechtsanwalt vorzeigten.

Man hat keinen Zugang zu gesetzlicher Beratung. Man hat zwar das Recht auf einen Anwalt, aber in Wirklichkeit ist das fast unmöglich umzusetzen, weil wir uns nicht vom Lager entfernen können und es in Eisenhüttenstadt keine Anwält_Innen gibt. Das heißt, wir haben keine Anwält_Innen.
Im Lager befinden sich Kinder, Familien und schwangere Frauen - es gibt kein Recht auf Kleidung und Schuhe. Kinder gehen nicht zur Schule. Das ist die Situation der Flüchtlinge im Lager.

Außerdem muss man sich an die illegalen Abschiebungen erinnern, die seit Mai 2013 vorgekommen sind.

Was ist am 20. Mai 2013 passiert? Ich sage es euch:

Eine Familie aus Kurdistan sollte zwangsweise abgeschoben werden. An diesem Tag nahm der Familienvater 20 Schlaftabletten, er wollte Suizid begehen. Ärzte kamen und retteten ihm das Leben. Wir Flüchtlinge versuchten herauszufinden, was mit ihm passiert war, aber niemand sagte es uns. Seine Familie wurde weggebracht und verschwand. Wir wissen nicht, was mit ihnen passiert ist, nur, dass sie abgeschoben wurden. Das ist noch nicht alles. Es gab weitere Suizidversuche.

Als nächstes kommt der 28. Mai 2013:

Ein Mann aus dem Tschad - D.I. - erhielt seine Abschiebeankündigung und erhängte sich. Er war es leid, wegen der Dublin-II-Verordnung in andere Länder abgeschoben zu werden. Er erhängte sich, weil er nicht wieder nach Italien abgeschoben werden wollte. Wieder versuchten wir, die Flüchtlinge, herauszufinden, was passiert war. Wir sprachen mit dem Sicherheitsdienst und der Polizei, aber sie antworteten uns nicht - sie sagten, alles sei normal und es gebe kein großes Problem. Für sie ist es ganz normal, dass Menschen sich umbringen, und sie empfinden es nicht als problematisch. Dann entschlossen wir uns zu einer Demonstration gegen dieses System aus Polizei, Bundesamt, Ausländerbehörde, der Sicherheitsfirma BOSS, dem Gericht und dem Lager, all diesen Organisationen, die Menschenrechte verletzen.

Die Demonstration fand am 3. Juni statt. Flüchtlinge griffen das Abschiebezentrum innerhalb des Lagers an. Wir beschädigten die Türen, das Tor und den Stacheldraht. Wir gingen in die Stadt, um zu demonstrieren. Dann kamen wir ins Lager zurück. Einige Flüchtlinge im Abschiebezentrum baten uns um Hilfe, und wir begannen, ihre Fälle zu verfolgen. Wir fanden Anwält_Innen für sie. Dann begannen wir zu verstehen, wie dieses System funktioniert: wie eine Abschiebemaschine. Die Polizei schreibt etwas, und das Gericht unterschreibt es. Die Polizei setzt Ärzt_Innen im Krankenhaus unter Druck, damit Menschen abgeschoben werden können.

Viele der Flüchtlinge, die an der Demonstration teilgenommen hatten, wurden von der Sicherheitsfirma BOSS und der Polizei unter Druck gesetzt und kriminalisiert. Als zum Beispiel eine Frau dem Brandenburger Fernsehen ein Interview gab, bekamen sie und ihre Kinder vom Sicherheitsdienst kein Essen mehr. Später wurden sie und ihre Familie nach Serbien abgeschoben. Weil die Mitarbeiter_Innen des Lagers mich als Organisator erkannten, gingen sie nach der Demonstration in mein Zimmer, nahmen all meine Sachen und sagten meinen Freund_Innen, ich dürfte nicht mehr in Deutschland bleiben. Von meinem Anwalt weiß ich, dass sie das nicht durften und mir nur Angst machen wollten - aber sie hatten keinen Erfolg.

Am 5. Juni gab es einen weiteren Suizidversuch:

Ein Flüchtling aus Somalia, M.D., erhängte sich in seinem Zimmer. Ich und ein anderer Flüchtling sahen ihn durchs Fenster, gingen hin, um das Seil durchzuschneiden, und retteten ihm so das Leben. Wir informierten die private Sicherheitsfirma BOSS. Damals hielten wir sie noch für eine Polizeieinheit. Am nächsten Tag machten wir für M.D. einen Termin bei einer NGO für medizinische Hilfe aus und informierten den Sicherheitsdienst. Aber der Sicherheitsdienst brachte ihn aus dem Lager fort, nachdem sie ihm die Nacht über Alkohol zu trinken gegeben hatten. Wir fragten die Mitarbeiter_Innen des Sicherheitsdienstes, wo er sei. Sie taten so, als sei er einfach weggegangen. Wir wissen nicht, wo er ist.

Am 8. Juni wurde P.M. aus Kenia aus dem Abschiebezentrum abgeschoben. Er lebte schon seit 20 Jahren in Deutschland, war mit einer Deutschen verheiratet und hatte drei Kinder, von denen eins noch minderjährig war. Die Ausländerbehörde weigerte sich, ihm einen deutschen Pass auszustellen, der ihm nach den deutschen Gesetzen zugestanden hätte. Wir schafften es nicht, die Polizei an seiner Abschiebung zu hindern.

Am 20. Juni wurde aufgrund der Dublin-II-Gesetze die Abschiebung von U.M. aus Pakistan nach Ungarn festgesetzt. Einige Aktivist_Innen, Flüchtlinge und Nicht-Flüchtlinge, aus Berlin kamen zum Flughafen Tegel und verteilten Flyer. Der Betroffene stand im Flugzeug der Linie AirBerlin auf und schrie, er wolle nicht abgeschoben werden. Manche Passagier_Innen standen ebenfalls auf und unterstützten ihn, damit das Flugzeug nicht abheben konnte. So wurde die Abschiebung verhindert. Die Polizei brachte den Betroffenen ohne seinen Anwalt wieder ins Gericht und sagte U.M., ein Anwalt sei nicht nötig, weil er drei Wochen später sowieso abgeschoben werden sollte und das Gericht nur das Dokument unterzeichnen würde. Und das tat das Gericht auch. Ein Gerichtsbeschluss ohne einen Anwalt ist illegal! Etwa zur gleichen Zeit wollte die Abschiebemaschine eine Frau aus Tschetschenien und ihre vier Kinder nach Tschetschenien abschieben. Sie versuchte sich in ihrer Zelle zu erhängen. Die Kinder begannen zu schreien, und sie wurde gerettet. Wir konnten nicht herausfinden, was mit dieser Familie passiert ist - sie ist verschwunden.

Die Abschiebeindustrie schreckt vor nichts zurück. Sie wollte eine Familie aus Serbien abschieben, zu der eine schwangere Frau gehörte. Aber man kann eine Frau im vierten Monat nicht im Flugzeug abschieben. Der Sicherheitsdienst und die Ausländerbehörde setzten sie unter Druck und zwangen sie schließlich zu einer Abtreibung. Sie sagten: “Sie haben schon zwei Kinder und nicht genug Geld für sie, also können Sie sich kein drittes Kind leisten.” Nachher, als die Abschiebung der Frau und ihrer Familie bevorstand, verschwanden sie. Wir haben keinen Kontakt mehr mit ihnen.

Am 8. Juli begannen 14 Flüchtlinge im Abschiebezentrum des Lagers mit einem Hungerstreik. Wir informierten andere Aktivist_Innen in Berlin und bauten zusammen ein Solidaritätscamp direkt vor dem Lager auf, damit keine Fahrzeuge hineinkommen und Flüchtlinge zum Flughafen bringen konnte. Nach vier Tagen beschlossen einige Flüchtlinge, auch nichts mehr zu trinken. Vier Tage später musste ein Teil dieser Gruppe ins Krankenhaus. 17 Tage nach dem Beginn des Streiks konnte unsere Kampagne nicht mehr sowohl das Lager als auch das Krankenhaus kontrollieren. Damit begannen Abschiebungen von Flüchtlingen in andere Länder. G.K. wurde aus dem Krankenhaus nach Georgien abgeschoben, obwohl er seit 17 Tagen nichts gegessen hatte. U.M. und zwei andere Flüchtlinge wurden aus dem Abschiebegefängnis ins offene Lager entlassen. Aber die 11 anderen streikenden Flüchtlinge wurden abgeschoben.

Nach dem Hungerstreik organisierten wir Partys für die Kinder im Lager, spielten Musik und versuchten ihnen ein normales Leben zu bieten. Die Ausländerbehörde und das Bundesamt erlauben ihnen keines, deshalb wollten wir einen Akt der Solidarität leisten. Dann planten wir eine Solidaritätsparty zum Ende des Ramadans am 9. August. Die meisten Flüchtlinge im Lager sind Muslime und Muslimas, wir wollten für sie kochen. Aber der Sicherheitsdienst und die Polizei ließen das aufgrund von Hygienebestimmungen nicht zu.

Einer der Flüchtlinge, die am Hungerstreik teilnahmen, ist J.E. aus Nigeria. Er kam am 28. Juni nach 11 Jahren in deutschen Lagern im Abschiebegefängnis an. Er litt an Hepatitis C und Diabetes und hatte Blut im Urin. Am 29. Juni wurde er abgeschoben, weil seine medizinische Versorgung so teuer war. Aber ich finde, jemand, der seit 11 Jahren in Deutschland lebt, sollte das Recht auf einen legalen Aufenthaltsstatus haben.

Am 22. Deyember unternahm ein Mann aus Afghanistan im Abschiebegefängnis einen Suizidversuch. Er war im Zug von Warschau nach Berlin in Frankfurt/Oder verhaftet worden, als er unterwegs war, um Asyl zu beantragen. Er verbrachte zwei Monate in einer psychiatrischen Klinik in Eisenhüttenstadt, bevor ihm erlaubt wurde, seinen Asylantrag zu stellen.

Januar 2014. Nachdem sie häufig erlebt haben, dass Mitarbeiter_Innen der Ausländerbehörde den Besuch bei Menschen in Haft erschweren, beschloss eine Gruppe von Flüchtlingen und Nicht-Flüchtlingen, dem Direktor des Abschiebegefängnisses einen offenen Brief zu schreiben. Sie verlangten freien Zugang zu den Menschen in Haft und sagten klar, das Gefängnis für Flüchtlinge besitze keine Existenzberechtigung und müsse geschlossen werden.

Monatsende. Ein weiterer Mann, Z.A., unternahm im Abschiebegefängnis einen Suizidversuch. Er wurde ins Krankenhaus und dann ins Abschiebegefängnis in Grünau, Berlin, gebracht. Dann haben wir unglücklicherweise seine Spur verloren.

Am 12. Februar 2014 wurde eine Frau aus Tschetschenien nach Polen abgeschoben. Sie war wegen Gewalt innerhalb ihrer Familie aus ihrem Heimatland geflohen. Sie kam zuerst nach Polen, wo ihre Verwandten leben, und bat um Asyl und medizinische Versorgung. Aber dort drohte die tschetschenische Gemeinschaft ihr an, sie umzubringen. Sie floh nach Deutschland, wo sie verhaftet und ins Abschiebezentrum in Eisenhüttenstadt gebracht wurde. Das Gericht urteilte, sie habe kein Recht, in Deutschland Asyl zu beantragen. In der Nacht vor ihrer Abschiebung schnitt sie sich an beiden Handgelenken die Pulsadern auf. Die Mitarbeiter_Innen verbanden ihr die Handgelenke, boten ihr aber sonst keine medizinische Versorgung. Sie weigerte sich, in den Abschiebebus zu steigen. Wegen ihrer Wunden konnten keine Handschellen verwendet werden, also wickelte man sie in ein Bettlaken und trug sie mit Gewalt in den Kleinbus. Eine Gruppe von Aktivist_Innen, Flüchtlinge und Nicht-Flüchtlinge, versuchte die Abschiebung zu verhindern, scheiterte aber.

All diese Ereignisse sind innerhalb weniger Monate passiert! Aber leider gehört das zum Alltag im Lager. Deshalb wollen wir dieses Abschiebezentrum schließen!!!

Kommt alle vom 27. August bis zum 1. September nach Eisenhüttenstadt zu unserem STOP DEPORTATION CAMP.

Mehr Infos über die Kämpfe der Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt unter:
http://lagerwatcheisen.blogsport.eu

Der Kampf von Flüchtlingen braucht Geld!

Die Karawane ist maßgeblich auf Spenden angewiesen. Unsere Organisation besteht überwiegend aus Flüchtlingen, die (wenn überhaupt) nur über sehr geringe finanzielle Mittel verfügen. Aus diesem Grunde haben wir 2008 den „Förderverein Karawane e. V.” gegründet. Unser Verein ist als gemeinnützig anerkannt und kann deswegen auf Wunsch Spendenquittungen ausstellen, so dass sie steuerlich absetzbar sind. Wenn bei der Überweisung die Adresse mit angegeben wird, verschicken wir die Spendenbescheinigung automatisch spätestens am Anfang des Folgejahres.

Kontakt: foerderverein(at)thecaravan.org

Unsere Bankverbindung lautet:
Förderverein Karawane e.V.
Kontonummer
: 40 30 780 800
GLS Gemeinschaftsbank eG
BLZ: 430 609 67

IBAN: DE28430609674030780800
BIC: GENODEM1GLS

Events

M T W T F S S
 
 
 
 
1
 
2
 
3
 
4
 
5
 
6
 
7
 
8
 
9
 
10
 
11
 
12
 
13
 
14
 
15
 
16
 
17
 
18
 
19
 
20
 
21
 
22
 
23
 
24
 
25
 
26
 
27
 
28
 
29
 
30
 
 

Syndicate

Subscribe to Syndicate