No War - No Refugee
No NATO - No Refugee

Country Information

Here you find background information on Guinea, Iran, Kurdistan, Türkei.

You are here

Michael Kelley ist im Lager Gerstungen gestorben

Vor ca. 2 Wochen wurde in Gerstungen (Wartburgkreis in Thüringen) ein Afrikaner (wahrscheinlich Liberia) namens Michael Kelley tot aufgefunden. Erst nach 10 Tagen wurde seine Leiche gefunden.
gerstungen

Flüchtlings-IsolationsLager in Gerstungen

Im Lager Gerstungen ist ein Mann gestorben. Er war wohl krank. Seine Leiche wurde erst nach 10 Tagen entdeckt. Und – das ganze ist wohl schon vor ein paar Wochen passiert, nur zufällig ist die Information nach Jena gelangt. Ein Schock. „If a human dies, it needs to be public. – No one informed us, how can that be.” Sofort wird ein Besuch in Gerstungen geplant, so schnell wie möglich, um zu sehen was in diesem Lager los ist, wer der Mann war, wie er gestorben ist und wie es sein kann, dass niemand davon berichtet.

Der Betonbau bröckelt innen und außen, der Zaun begrenzt das deprimierende Gelände als wir vor dem Eingang stehen springt ein kleiner Junge aus dem Flur „langweilig!“ schreit er uns an. „Ich musste helfen den Leichnam herunter zu tragen.“ erzählt ein Mann, der nach unten gekommen ist „Der Afrikaner ist noch nicht lange im Lager gewesen, so ein bis zwei Monate“, er kannte ihn nicht, sieht besorgt aus, scheint darauf zu gewartet zu haben, dass ihn jemand danach fragt. „Die Polizei war hier, aber sie haben mit uns nicht gesprochen.“ Er hat gehört wie der Arzt gesagt hat, dass der Mann wohl schon mehr als eine Woche tot in seinem Zimmer gelegen hat. Nur wegen dem Gestank, hat jemand bei der Kontrolle das Zimmer aufgemacht. Dann sind sie rein gegangen mit Mundschutz. „Und jetzt versuchen sie uns davon abzulenken, damit wir nicht nachfragen, und wenn wir fragen ist die einzige Antwort, wir wissen es nicht.“ „Dazu wurde drei Tage danach ein Kinderfest veranstaltet“, sagt er, das kam ihm seltsam vor, „ vor drei Tagen wurde hier noch eine Leiche runter getragen und niemand sagt uns was genau passiert ist.“ Er war krank, aber er wurde vom Krankenhaus wieder zurück gebracht.

Im Zimmer neben dem des Toten.

„Wir wohnen ja neben ihm. Er hat die ganze zeit Selbstgespräche geführt. Er hat den Tag und die Nacht vertauscht. Er ist nachts auf dem Flur hin und hergelaufen. Wir hatten keinen Kontakt, er war immer nur in seinem Zimmer.“ Den Gestank haben sie gerochen, aber das scheint hier nicht ungewöhnlich zu sein. Es riecht nach Müll auf den Fluren, Wasserlachen auf dem Küchenboden der Gemeinschaftsküche, die verrosteten Rohre tropfen, verrußte Decke und Schimmel in den Zimmern. Seit das Landratsamt die Heimleitung übernommen hat, kommt keine Reinigungskraft mehr regelmäßig.

Nur ein Mann kann uns den Namen des Toten sagen, Michael Kelly hieß der, aus Liberia, er kannte ihn – wie man einen Menschen kennt, der mit niemandem wirklich redet –

He was so sick! When he came back form spain he was sick.
Why did he come from spain, he has a wife and a doughter in spain.

Er sagt, dass er es war, der zu der Heimleitung gegangen ist, um einen Krankenschein für Michael zu beantragen. Zusammen sind sie dann zu einem Arzt in Suhl gegangen. Der hat daraufhin angerufen und den Mann sofort ins Krankenhaus nach Jena geschickt. Nach drei Wochen, ist er allerdings zurückgebracht worden.

He did not allow anybody to go to his room
One day when he forgot to close the door I could see him his breast only bones, you could count the bones, and his chest ….. (er verzieht das Gesicht) when he saw me he covered himself quickly.

Alle dachten, dass der Tote nicht mehr im Heim ist

“He said, I have to leave this country to go to another.
For one week, I always thought he was no more in the country
I was so shocked.”

Auf unsere Frage, ob ein Arzt bei ihm gewesen ist, sagt er, „nobody came to visit him, they gave him some tablettes. They told him, you have to see the doctor but he refused to go.” Er hatte keine psychologische Betreuung.

“I gave him my television and when he told me that he has to leave the country, I said he should give me back my television again before he goes and at the day before he was gone I found a paper under my door “come and take it” – he put the television outside on the floor
And so I thought he was gone.”

Das Zimmer ist verschlossen, seine Kleider, seine Sachen sind in blauen Plastiktüten, von Mitarbeitern der Ausländerbehörde wegtransportiert worden, das Zimmer sterilisiert. Aber was ist mit dem Rest des Gebäudes, dem Gemeinschaftsbad, den Toiletten?

Draußen, zwei Frauen mit ihren Kindern, hier ist einer gestorben, sagen sie, der hat gehustet die ganze Zeit, alles ist schmutzig hier, sie will, dass ich mitkomme um ihr Zimmer zu filmen, Mein Sohn hustet immer, die Ärzte sagen das ist Astma, sie zeigt mir den ärtzlichen Bescheid darin steht die dringende Empfehlung für subkultane Hyposensibilisierung mit Milbenlösung, was normalerweise nur bei sehr gefährlichen Asthmaerkrankungen verordnet wird. Die Mutter zeigt mir verzweifelt wo sie und ihre Kinder schlafen, Schimmel, bröckelnder Putz und alte Mauern – staubige Betten – ich habe Angst, dass mein Sohn erstickt, sagt sie.

Sie will, dass ich das Bad filme, als ich die Tür öffne mache ich schnell die Kamera aus, eine Frau duscht hinter einem durchsichtigen Vorhang. In keinem der Stockwerke kann man die Duschen abschließen.

Mein Sohn ist in Deutschland geboren und hat überall Ausschlag – Allergie, sagt die andere Frau, das Kind auf ihrem arm ist übersät mit kleinen, roten Flecken im Gesicht.

Eine andere Frau bekommt im Monat 40 euro dafür dass sie die Toiletten und die Duschen putzt und den Müll runter bringt, aber wenn ich das nicht mache, habe ich gar nichts, sagt sie

Als wir die Leute zu der Demonstration am 22. Oktober einladen, um gegen genau das alles zu demonstrieren erzählen sie, dass es schwierig ist zum Bahnhof zu gehen, vor ein paar Tagen wurde ein Junge von Nazis verprügelt, nein, er hat das nicht angezeigt. Wir geben eine Nummer weiter, die er anrufen kann um sich beraten zu lassen. Die Angst hat hier um sich gegriffen, die Rechtlosigkeit und die Depression.

Beim Abschied Augen, die nach einem Ausweg aus der Angst, dem Leben, das seit fünf, acht, fünfzehn Jahren wartet, schläft, in alten staubigen Betten – Lebensmittel von Penny aufwärmt in einer stinkenden Küche – jeden Morgen kontrolliert wird ob es auch anwesend ist, hinter dem Zaun geblieben, nur sterben kann man hier unbemerkt, bis die Leiche anfängt zu stinken, oder unbemerkt bleiben heißt sterben….Was bleibt ist die unbedingte Forderung diese Verwahrlosung nicht mehr zu akzeptieren.

Protokoll

Ein Freund, Bewohner des Lagers, erklärte uns, dass er erst nach zehn Tagen gefunden wurde. Vorgeschichte: Vor ein paar Wochen wechselte der Betreiber des Heims. Nun ist das Landratsamt (Wartburgkreis) zuständiger Betreiber. Mit diesem Wechsel kamen auch neue Sozialarbeiter. Das neue „Regime“ führte unter anderem ein, dass am Wochenende keine Putzfrau mehr kommt um die sanitären Anlagen instand zu halten. Dazu an anderer Stelle mehr. Ebenfalls neu ist, dass nun regelmäßig Kontrollen durchgeführt werden. Beinahe jeden Tag (da gibt es von den Heimbewohnern unterschiedliche Angaben) wird früh am morgen an die Tür geklopft und kontrolliert, ob man auch wirklich da ist. Ein Heimbewohner äußerte, dass es bei „zu häufigem Fehlen“ keine Gutscheine mehr gibt, beziehungsweise, nur Gutscheine mit einem geringeren Warenwert. Trotz dieser Neuerung ist aber zehn Tage lang niemandem aufgefallen, dass jemand tot, verwesend in seinem Zimmer liegt. Unser Freund und weitere der Heimbewohner halfen dabei den in einer Schutzhülle verpackten Leichnam in den Krankenwagen zu transportieren. Noch mal: Sie haben ihn aus dem zweiten Stock bis hinunter in den Krankenwagen getragen. Ärzte und Sozialarbeiter rannten nur mit Mundschutz rum, stellten fest, da ist jemand gestorben, ein Heimbewohner, und sie ließen dann die im Heim lebenden Flüchtlinge einen Leichnam, einen Toten, den sie kannten, aus einem nach Verwesung riechendem Raum hinaus, durch das Heim, über die Flure, bis hinunter in den Krankenwagen schleppen. Unser Freund erklärte uns, dass er nicht wisse, was mit dem Leichnam passieren würde. Er vermutet, dass man ihn wohl verbrennen wird.

Eine Familienmutter erzählte uns, dass Michael direkt neben ihnen gewohnt hätte und sie den Geruch sehr früh bemerkt hätten. Außerdem berichteten sie, dass er chronisch krank gewesen sei. Er hätte immerzu gehustet. Zudem war er wohl psychisch angegriffen. Er soll einen verkehrten Tagesrhythmus gehabt haben, Selbstgespräche führend in den Fluren auf und ab gegangen sein, kaum jemals mit jemandem anderen als einem anderen aus Afrika stammenden Flüchtling gesprochen haben und völlig krank und abgemagert gewesen sein. Sie hätte, wie eigentlich alle im Lager, gedacht, dass er zurück ins Krankenhaus geschafft worden wäre. Im Gespräch erfuhren wir, dass Michael wohl wirklich sehr krank gewesen sei. Er habe permanent gehustet. Einmal sei sein Freund (nach dem Krankenhausaufenthalt) in Michaels Zimmer gekommen, hat ihn überrascht. Michael lag röchelnd in seinem Bett, den Oberkörper wohl etwas durchgebogen. Man hatte, so erzählte der Freund, jede Rippe sehen können: „You could have counted every bone!“ Michael sei augenblicklich zusammengeschreckt und habe sich die Bettdecke bis unters Kinn gezogen. Jener Freund war es auch, der einige Wochen zuvor veranlasste, dass Michael in ein Krankenhaus gebracht wurde. Michael kam zunächst nach Suhl, von wo aus man ihn nach Jena verlegte, wo er drei/ vier Wochen lang behandelt wurde. Nach seiner Entlassung wurde er, nach Aussage des Freundes allerdings nicht mehr ärztlich betreut. Er hatte Tabletten bekommen, mehr nicht. Die (neuen, von den meisten Bewohnern gering geschätzten) Sozialarbeiter hätten ihn zwar einige Male darauf hingewiesen, dass er nach Suhl gehen solle um sich untersuchen zu lassen. Jedoch taten sie das offensichtlich nicht mit dem dringend notwendig gewesenen Nachdruck. Insgesamt sei es Michael nach dem Krankenhausaufenthalt besser gegangen, allerdings war er nach Meinung von seinem Freund bei weitem nicht gesund.

Besonders überraschend war, dass dieser sagte, Michael habe einen spanischen Pass gehabt, da er dort eine Familie hatte. Frau und Kind. Mehrmals habe er nachgefragt, wieso Michael hier in einem Heim lebte, wo er als Inhaber eines spanischen Passes bedeutend besser hätte wohnen und leben können. Dieser sei ihm jedoch ausgewichen. Auch die gesundheitliche Versorgung wäre vermutlich besser ausgefallen hätte Michael angegeben, diesen Pass zu haben. Man kann dann nur vermuten, ob das strenge Schweigen der Behörden zu diesem Fall irgendetwas damit zu tun hat, dass Michael EU-Bürger war. Es gilt unbedingt herauszufinden welche Krankheiten (auch psychisch) Michael hatte, welche Umstände ihn zu der Rückkehr nach Deutschland veranlasst haben. Ebenfalls interessant war, dass Michaels Freund erzählt hat, dass Michael Deutschland habe verlassen wollen. Er hätte ihm einen Zettel hinterlassen, indem er darauf hinwies, dass er seinen Fernseher und die Sattelitenschüssel vor das Zimmer stellen würde, bevor er geht. Der Freund könne sich seine Sachen dann abholen. Das tat er auch und nun macht er sich Vorwürfe, weil er ernsthaft angenommen hat, dass Michael fort gegangen sei. Aus diesem Grund habe er auch nicht bemerkt, dass er tot in seinem Bett, in seinem Zimmer liegt. Eine Vermutung kann man ob dieser Umstände nicht vollständig ausschließen: Suizid.

Insgesamt schienen die Bewohner des Heimes ziemlich schockiert und traumatisiert zu sein. In viel stärkerem Ausmaß als in den bisher (von mir) besuchten anderen Lagern hatte man hier den Eindruck, dass die Flüchtlinge eingeschüchtert oder in sich gedrängt waren. Die Repression, die Zustände, das strenge Regime der Zuständigen und die immerwährende Angst vor Ausweisung und Abschiebung, die krasse Umgebung, die Eintönigkeit und Isolation verschließen die Flüchtlinge generell, hier in Gerstungen allerdings nach meinem Gefühl, noch stärker. Alle hatten einen beinahe flüchtigen Blick, waren schüchtern, verhalten und viel zu zurückhaltend.

03.10.2011
Break Isolation Netzwerk
The VOICE Refugee Forum Jena - Info Zum Flüchtlings-IsolationsLager in Gerstungen: http://thecaravan.org/node/2574
http://lagergerstungen.blogsport.de/

Fotos aus dem „Heim“

Hier wollen wir Klarheit über die hygienischen und baulichen Zustände im Heim schaffen. Die Texte und Bilder dürfen gerne für weitere Reportagen genutzt werden.

Dusche und Toilette für die Frauen und Mädchen von 12 Familien
Dusche und Toilette für die Frauen und Mädchen von 12 Familien, Schimmel an den Wänden und den Duschvörhängen

Kaputte Wand mit Schimmel
Eine kaputte Wand mit Schimmel zwischen Toilette und Dusche.

Dusche und kaputte Wand
Die Duschwand zerfällt bei der Begutachtung. Der Raum stinkt nach Schimmel.

Keine Privatsphäre
Privatsphäre unmöglich!!! Die Frauen haben keine Möglichkeit die Tür abzuschließen. Sie müssen immer in Begleitung zur Dusche oder Toilette gehen.


Vollkommen heruntergekommene Rohre mit Schimmel besetzt.


3. Stock. Die Bewohner reparierten das Geländer selbstständig um ihre Kinder vor einem möglichen Absturz aus dem dritten Stock zu schützen. Wer hält das Heim instand?


Der Weg zum Männerbad.


Die Männertoilette.


Wenig Putz, dafür aber Schimmel…


Poröse, feuchte Wände…

Local group: 
Campaign: 
Language: 

Der Kampf von Flüchtlingen braucht Geld!

Die Karawane ist maßgeblich auf Spenden angewiesen. Unsere Organisation besteht überwiegend aus Flüchtlingen, die (wenn überhaupt) nur über sehr geringe finanzielle Mittel verfügen. Aus diesem Grunde haben wir 2008 den „Förderverein Karawane e. V.” gegründet. Unser Verein ist als gemeinnützig anerkannt und kann deswegen auf Wunsch Spendenquittungen ausstellen, so dass sie steuerlich absetzbar sind. Wenn bei der Überweisung die Adresse mit angegeben wird, verschicken wir die Spendenbescheinigung automatisch spätestens am Anfang des Folgejahres.

Kontakt: foerderverein(at)thecaravan.org

Unsere Bankverbindung lautet:
Förderverein Karawane e.V.
Kontonummer
: 40 30 780 800
GLS Gemeinschaftsbank eG
BLZ: 430 609 67

IBAN: DE28430609674030780800
BIC: GENODEM1GLS

Events

M T W T F S S
 
1
 
2
 
3
 
4
 
5
 
6
 
7
 
8
 
9
 
10
 
11
 
12
 
13
 
14
 
15
 
16
 
17
 
18
 
19
 
20
 
21
 
22
 
23
 
24
 
25
 
26
 
27
 
28
 
29
 
30
 
31
 
 
 
 

Syndicate

Subscribe to Syndicate