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„Die Selbstvertretung ist unser Trumpf“ - The VOICE Refugee Forum

„Die Selbstvertretung ist unser Trumpf“
Interview mit Osaren Igbinoba von The VOICE Refugee Forum

Vorspann: Osaren Igbinoba ist 1994 aus Nigeria nach Deutschland geflohen – und wurde in einer maroden ehemalige Militärkaserne in Thüringen untergebracht, abgelegen in einem Wald, fast ohne Kontakt zur Außenwelt. Gemeinsam mit anderen Flüchtlingen gründete er in Thüringen schon bald The Voice Refugee Forum, um gegen die skandalöse Unterbringung und Behandlung in den Flüchtlingsheimen des Landes zu protestieren. Ein Kampf, den er auch seit seiner Anerkennung als politischer Flüchtling weiterführt. Mit (deutschen) Solidaritätsgruppen hat er die unterschiedlichsten Erfahrungen gemacht, wie das folgende Interview zeigt.

Eure Erfahrungen aus der bundesweiten Karawane der Flüchtlinge von 1998 bilden den Rahmen Eurer praktischen Solidarität gegen Abschiebung und rassistische Ausgrenzung. Wie sieht diese praktische Solidarität aus?

In unserem tagtäglichen Engagement spielt „internationale Solidarität“ eine entscheidende Rolle. Flüchtlinge und MigrantInnen aus unterschiedlichen Ländern treffen hier bei uns zusammen, dennoch verbindet uns Solidarität in unseren Forderungen nach Gerechtigkeit, Respekt und menschlicher Würde.
Diese Solidarität zeigt sich zum Beispiel in Kampagnen zum Abschiebestopp und zum Bleiberecht oder in den Kämpfen gegen die Residenzpflicht oder das Lagersystem. 1995 zum Beispiel kam die Polizei einmal um drei Uhr morgens ins Heim, um mich abzuholen. Ich wehrte mich lauthals, und da wachten andere Heimbewohner auf, Leute aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus Asien, Araber, Osteuropäer und andere Afrikaner, die wie ich in den Lagercontainern im Wald bei Rothenstein in der Nähe von Jena lebten. Sie fragten nach: „Warum wird dieser Mann weggebracht?“ Es wurden immer mehr, die mich schützten, und letztlich waren die Polizisten machtlos und fuhren weg, um sich neue Instruktionen zu holen. So wurde meine Verlegung verhindert. Solidarität ist für mich ein Bestandteil unserer kulturellen Emanzipation in der Gemeinschaft der Flüchtlinge.

Wie bedeutsam ist diese praktische Solidarität in Eurer Arbeit? Was sind die Stärken dieser Solidarität und Selbstvertretung der Betroffenen?

Solidarität ist bedeutungslos, wenn sie nur auf unbeständigen Modeslogans und theoretischen Überlegungen beruht. Und dies gilt besonders für Initiativen wie The VOICE und jede andere selbstorganisierte Flüchtlingsinitiative. Letztendlich misst sich die Stärke solcher selbstorganisierten Initiativen an der praktischen Solidarität und dem Engagement ihrer Mitglieder. Unsere Selbstvertretung als Flüchtlinge ist hierbei sicherlich unser Trumpf in der politischen Arbeit. Denn, trotz Einschüchterung, Entmenschlichung, horrenden Lebensbedingungen sowie Polizeibrutalität und Behördenwillkür, sind wir in der Lage aufzustehen.
Wir benennen unsere Argumente, positionieren uns und kämpfen für unsere Rechte, frei nach dem Sprichwort: Diejenigen, die die Schuhe tragen, wissen, wo sie drücken. Wir sind es, die unsere Erfahrungen und Probleme öffentlich machen, und hierbei lassen wir uns auch nicht von irgendjemandem in paternalistischer Weise vertreten.

Welche Gruppen unterstützen Euch? Und von wem hättet Ihr eigentlich Unterstützung erwartet, die dann aber nicht gekommen ist?

Wir werden von so einigen Gruppen unterstützt, naturgemäß fluktuiert diese Unterstützung. Bei der Kampagne gegen das Isolationslager in Katzhütte/Thüringen wurden wir durch den Flüchtlingsrat Thüringen unterstützt. Bei Veranstaltungen zum Beispiel solidarisch von der „Gerberstraße“ in Weimar. Ein Punkt, an dem es immer wieder auseinandergeht ist die Frage, wie wir politische Unterstützung definieren. Es kommen Studenten zu uns, die sagen, wir wollen euch unterstützen, aber eigentlich wollen sie Informationen haben oder Bildungsmaterialien erstellen. Das ist aber nicht unser Verständnis von Solidarität. Manchmal ist es auch ganz „hip“ und „links“, Flüchtlinge zu unterstützen. Aber eine solche Haltung bringt uns nicht wirklich etwas.
Letztendlich hängt doch alles an unserem eigenen Engagement und weniger daran, wer uns von außen unterstützt. Lasst uns nicht vergessen, dass wir seit 14 Jahren gegen dieselben Probleme kämpfen, die durch dieselben Leute verursacht sind. Die Deutschen sollten sich selbst fragen, was sie tun können, um etwas zu verändern und die Kämpfe von The VOICE zu unterstützen. Sie sollten nicht darauf warten, bis wir ihnen sagen, was sie für uns tun können.

In der internationalen Solidaritätsarbeit der 70er und 80er Jahre hat es immer wieder Konflikte gegeben, wenn die Befreiungsbewegungen/Kämpfenden sich nicht so verhalten haben, wie es die Solidaritätsbewegung gerne gehabt hätte. Was sind Eure Erfahrungen in der Flüchtlings- und Antirassismusarbeit mit deutschen Unterstützergruppen? Gibt es da auch Konflikte, Enttäuschungen und Ent-Solidarisierung?

Konflikte sind Bestandteil jeder Bewegung, die entscheidende Frage ist, wie diese Konflikte angegangen und wie mit ihnen umgegangen wird. Wir hatten seit 1994 so manchen Konflikt. Einige waren ideologisch und hatten mit den Zielen und Fragen der Strategie zu tun. Bei anderen ging es um kulturelle Unterschiede und Identitätsfragen. Ich erinnere mich, bei dem antirassistischen Grenzcamp in Köln 2003 war The VOICE sehr aktiv und wollte rund um die Abschaffung der Residenzpflicht mobilisieren. Das ist sehr konkret für uns. Aber einige antirassistische AktivistInnen fanden das zu kleinteilig, kritisierten und hinterfragten uns. Sie wollten lieber große Dinge wie Revolution machen. Dies aber hat nichts mit unserem alltäglichen Kampf zu tun, uns von der staatlichen Verfolgung und Diskriminierung zu befreien.
Einige Konflikte haben uns immer wieder zum Thema der Selbstvertretung gebracht. Niemand hat explizit unser Recht auf Selbstvertretung in Frage gestellt, aber es stand auch immer unausgesprochen im Raum. Ich will es mal so sagen: Für eine kulturelle Revolution muss noch einiges getan werden, um die politischen Alternativen, vorgetragen von den selbstorganisierten Strukturen der Unterdrückten, zu stärken – angesichts der Dominanz der Linken, sogenannten Liberalen und Fortschrittlichen.

Eure Kämpfe für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen im Rahmen der Karawane dauern nun schon über zehn Jahre – welche Unterstützung wünscht Du Dir zukünftig?

Es ist allgemein bekannt, dass Flüchtlinge nichts geschenkt kriegen. Wir bekommen keine Rechte oder Menschenwürde, es sei denn, wir kämpfen dafür. Die fürchterlichen Lebensumstände in den Heimen ändern sich nicht, es sei denn, wir kämpfen dafür. Die Behörden entkriminalisieren uns nicht, es sei denn, wir kämpfen dafür. Es werden kaum noch Afrikaner nach Thüringen verteilt. Das hat politische Gründe, denn die Behörden fürchten die Mobilisierung und den Widerstand der Flüchtlinge. Hier vermissen wir auch, dass die Öffentlichkeit da nicht weiter nachfragt oder diesen Umstand hinterfragt.
Die Behörden gehen nun auch verschärft gegen jene Flüchtlinge vor, die sich besonders engagieren. Zum Beispiel gegen Mouctar Bah, den Freund von Oury Jalloh, der in Dessau im Polizeigewahrsam angekettet an eine Matratze verbrannte. Weil Mouctar Bah nach der Wahrheit sucht und Fragen stellt, wird er von den Behörden gegängelt. Hier ist es wichtig, den besonders gefährdeten Flüchtlingen, die alles riskieren, beizustehen und sie zu verteidigen.
Konkret brauchen wir Unterstützung von Leuten, die uns dabei helfen, Bildungsmaterialien zu erstellen. Wir brauchen regelmäßige Spenden sowie finanzielle Unterstützung für unsere Netzwerk- und Mobilisierungsarbeit.

Politisch zu aktiv? Thüringen nimmt keine schwarzafrikanische Flüchtlinge auf

MDR Radio: Katzhütte - Wieder schwere Vorwürfe gegen Asylbewerberheim

Das Interview führte Andreas Rosen.
146, Dezember 2008: Solidarität: Auslaufmodell oder Zukunftshoffnung?
Der Schwerpunkt dieser Ausgabe ist auch als "INKOTA-Dossier 3" (2,50€) bestellbar.
Dossier 3" (2,50€) bestellbar.
http://www.inkota.de/index.htm?http://www.inkota.de/publik/index.htm?htt...

[Kasten, relativ weit vorne platzieren]

The Voice
Das The VOICE Refugee Forum ist eine Gruppe von AktivistInnen und politischen Flüchtlingen. Seit 1994 klärt das Forum die Öffentlichkeit über die inhumanen Lebensbedingungen von Flüchtlingen in Thüringen und in ganz Deutschland auf. Die Mitglieder engagieren sich für verfolgte MenschenrechtsaktivistInnen und setzen sich für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen ein. Mehr Infos: www.thevoiceforum.org.

Karawane der Flüchtlinge
Die Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen ist ein Netzwerk, das sich aus Einzelpersonen, Gruppen und Organisationen von Flüchtlingen, MigrantInnen und Deutschen zusammensetzt und deutschlandweit tätig ist. Die Karawane engagiert sich mit zahlreichen Aktionen und Veranstaltungen im Kampf für soziale und politische Rechte. Es setzt sich für die fundamentalen Menschenrechte aller Menschen sowie für gleiche Rechte und gegenseitigen Respekt ein. Weitere Informationen, einschließlich eines Positionspapiers unter www.thecaravan.org.
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Der „INKOTA-Brief“ ist die älteste unabhängige Nord-Süd-Zeitschrift aus den Neuen Bundesländern und erscheint mit 4 Schwerpunktausgaben pro Jahr. Neben einem umfangreichen Schwerpunkt enthält der INKOTA-Brief regelmäßige Rubriken (z.B. Kampagne für Saubere Kleidung, Fairer Handel, Blickwechsel, Literatur pur, Rezensionen, Kommentare).

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