Es ist eine Revolution am Horizont
von Kristin Jankowski 14.08.2010 23:19
“Es gibt so viele Gruende, warum ich Gamal nicht als naechsten Praesidenten von Aegypten sehen will”, sagte Karim und zuendete sich eine Zigarette an.
Er warf sein gelbes Feuerzeug auf den Glastisch. “Ich weiss nicht wofuer Gamal Mubarak steht. Ich habe keine Ahnung, wie er das Land nach vorne bringen will.”
Karim schuettelte den Kopf. “Ich kenne das Programm der Nationalen Demokratischen Partei- davon halte ich gar nichts.”
Gamal Mubarak, der juenger Sohn des aegyptischen Praesidenten Hosni Mubarak ist Generalsekretaer der NDP. Und der 47-jaehrige wird von zahlreichen Stimmen als Nachfolger seines Vaters gehandelt.
“Ausserdem lehne ich das Konzept total ab, dass der Praesident die Macht an seinen Sohn weiter reichen kann.”
Vor einigen Tagen startete Magdy El Kordy eine Kampagne um Gamal Mubarak davon zu ueberzeugen, als Kandidat bei der anstehenden Preasidentschaftswahl im Jahr 2011 anzutreten. Er haengt Poster in den Strassen auf und will fuenf Millionen Unterschriften von aegyptischen Buergern sammeln – die somit ihre Unterstuezung kundtun. Diese Aktion habe allerdings keine Verbindungen zur regierenden Nationalen Demokratischen Partei, behauptete El Kordy in den Medien.
Einige Mitglieder der oppositionellen Al Ghad Partei haben auch Plakate in den Strassen aufgehaengt. Darauf ist Gamal Mubarak zu sehen, sein Gesicht ist rot durchgestrichen. “Aegypten ist grosser als du” ist darunter zu lesen.
Gestern nacht habe ich Mohamed in Cairo Downtown getroffen. Er hatte in den vergangenen Tagen Anti-Gamal-Mubarak-Poster an Haeuserwaende geklebt. Bis die Polizei auftauchte. “Sie haben mich geschlagen und mich weggescheucht”, sagte er zu mir. Dabei lachte er. Und er zuckte mit den Schultern. “Macht nichts”, fuegte er hinzu.
Die aegyptische Zeitung “Daily News Egypt” schrieb, der Staatsanwalt Abdel Meguid Mahmoud habe eine Klage von 20 Mitgliedern der “Organisation zur Verteidigung der Polizei und der Buerger” zurueckgewiesen.
Der Praesident der Al Ghad Partei, Dr. Ayman Nour, wurde beschuldigt die Oeffentlichkeit damit anzustiften, Gamal Mubarak zu hassen. Zudem wurde Dr. Nour damit belastet, dass er Gamal Mubarak das verfassungsmaessige Recht berauben wuerde, an den Praesidentschaftswahlen teilzunehmen.
“Daily News Egypt” schrieb weiter, dass der Staatsanwalt in einer Erklaerung angibt, dass der Wahlkampf noch nicht eroeffnet sei. Und deshalb die Klage “irrelevant” sei. Ausserdem habe nur Gamal Mubarak oder jemand, der die Vollmacht hat in seinem Namen zu handeln, das Recht diese Art von Beschwerde einzureichen, so Abdel Meguid Mahmoud.
Seit einigen Monaten sammelt die “Nationale Vereinigung fuer den Wechsel” in den Strassen Aegyptens auch Unterschriften – um gemeinsam die Verfassung zu aendern. Und damit auch unabhaengige Kandidaten an der Praesidentschaftswahl teilnehmen koennen. Vor Kurzem wurden 15 Aktivisten in Alexandria festgenommen – sie hatten Poster aufgehaengt in denen die Buerger aufgerufen wurden, diese Petition zu unterschreiben.
“Das ist doch alles Wahnsinn”, sagte Karim und legte seine Zigarette in den weissen Aschenbecher. Er griff nach seinem Bier.
“Die meisten Menschen hier”, sprach Karim "sind leider nicht an Politik interessiert.”
Ich hoerte wie Karim tief ein und ausatmete. “Weisst du”, sagte er "die meisten Menschen hier stellen nur eine Frage: Wie bekomme ich meine Kinder am Ende des Tages satt ?”
Er senkte seinen Blick.” Wie sollen sie denn da noch Zeit haben um ueber grosse politische Fragen nachzudenken – wenn der Magen knurrt ?”
Karim lehnte sich zurueck und schaute zum Himmel. Abnehmender Mond.
“Rund die Haelfte der Aegypter leben unter der Armutsgrenze, etwa 14 Millionen sind obdachlos. “
Er blickte immer noch nach oben. Ein leichter Wind wehte als wir auf der Dachterasse sassen.
Und ich dachte an die Frau, die ich morgens an der Metrostation sitzen sah.
Sie war schwarzgekleidet. Ein junges Maedchen mit wilder Lockenmaehne spielte oft auf ihrem Schoss. Die Frau verkaufte Taschentuecher. Ich sah sie oben am Ausgang sitzen. Ich ging die Treppen hoch, ganz nah an der Wand. Als ich sie das erste Mal entdeckte, laechelte sie mich mit ihren Mandelaugen an. Als ich sie zum zweiten Mal sah, streckte ich meine Hand aus und reichte ihr eine Muenze. Und sie beruehrte meine Hand. Sie streichelte meine Hand. Ich habe ihr jeden Tag etwas Geld gegeben. Jeden Morgen hatte sie mich von Weitem gesehen. Und gelacht. Und aus der sanften Beruehrung, wurde ein fester Haendedruck. Ich reichte ihr eine Muenze und fuer einige Sekunden umklammerte sie meine Hand. Und ich konnte sie nicht loslassen.
Es war so, als wuerden wir mit unseren Beruehrungen miteinander sprechen.
Wir haben uns die Haende gereicht.
Manchmal war ich von ihrem Haendedruck und ihrem sanftem Laecheln dabei, so bewegt, dass ich mit meinen Traenen kaempfen musste.
Morgens um halb neun.
Wahrscheinlich ist es das, was die Menschheit irgendwo zwischen Blackberry und Coca Cola zero verloren hat – das Haendereichen.
Und waehrend ich jetzt gerade an diese Frau denke, faellt mir der Mann ein, den ich oft in den alten Prachtstrassen in Cairo Downtown gesehen habe. Er trug einen schwarzen Vollbart, das Haar war zerzaust, das Tshirt zerrissen, die Hose halb hochgekrempelt.
Und er kroch ueber den Fussgaengerweg. Langsam und mit sehr viel Muehe -
ihm fehlten beide Beine. Manchmal waren die Stumpen zu sehen. Manchmal nicht. Mit einer Hand versuchte er sich nach vorn zu ziehen, die andere Hand hielt er auf – um nach Geld zu betteln.
Ich habe ihn seit langem nicht mehr gesehen.
“Ich hatte 25 Piaster verloren”, hoerte ich Osama sagen.
Jetzt – im Jahr 2010- sind 25 Piaster etwa 0,03 Cent wert.
Osama erzaehlte mir, dass er als kleiner Junge eines Tages einen Gasbehaelter kaufen sollte.
“Ich war nicht aelter als 6 Jahre alt”, erinnerte sich der jetzt 32 jaehrige.
Und als er die blaue Gasflasche nach Hause rollte, bemerkte er, dass ihm 25 Piaster fehlten. “Das Wechselgeld”.
Waehrend er sprach, stiegen ihm Traenen in den Augen auf. “Ich hatte schreckliche Angst vor meiner Mutter.”
Erst nachdem viele Stunden vergangen waren, ging er nach Hause.
“Und als ich meiner Mutter gestand, dass ich das Geld nicht mehr in meiner Hosentasche finden kann, schmiss sie mich zu Boden.”
Er wischte sich die Traenen von den Wangen.
“Sie trat immer wieder auf meinen Kopf. Meine fette Mutter hat einfach zugetreten.” Er holte tief Luft.
Er legte seinen Kopf in die Haende.
Ich hoerte ihn sagen: “Und sie packte mich, trug mich einige Schritte. Und dann hielt sie mich aus dem Fenster hinaus.”
Er schlurchzte. ‘Meine Mutter hat mich fast auf die Strasse geworfen – wegen 25 Piaster.”
Dann hob er seinen Kopf und er legte sich nach hinten.
Wir befanden uns auf einem Haeuserdach - in einem Slum in Cairo.
Und wir hofften, dass wir am Himmel Sternschnuppen entdecken werden.
Ich denke an Susan Sontag. In ihrem Buch “Das Leiden anderer betrachten” schreibt sie: "Das Mitgefühl, das wir für andere, vom Krieg und einer mörderischen Politik betroffene Menschen aufbringen, beiseite zu rücken und stattdessen darüber nachzudenken, wie unsere Privilegien und ihr Leiden überhaupt auf der gleichen Landkarte Platz finden und wie diese Privilegien – auf eine Weise, die wir uns vielleicht lieber gar nicht vorstellen mögen – mit ihren Leiden verbunden sind, insofern etwa, als der Wohlstand der einen die Armut der anderen zur Voraussetzung hat – das ist eine Aufgabe, zu deren Bewältigung schmerzliche, aufwühlende Bilder allenfalls die Initialzündung geben können."
Die Demonstranten schlugen mit Loeffeln auf Toepfe und sie hielten leere Teller in nach oben. “Wir sind hungrig” - so hiess der Aufruf des Protestes in Cairo zudem die Vereinigung “Das freie Land” aufgerufen hatte. Die Lebensmittelpreise sind vor dem Fastenmonat Ramadan rasant gestiegen. Und “Das freie Land” macht die aegyptische Politik dafuer verantwortlich.
“Schau mal”, sagte Mena, als er mir Fotos zeigte, die er auf dem Protest gemacht hatte. “Siehst du das ?” Er deutete mit dem Finger auf einen Mann, der eine Videocamera in der Hand haelt und diese auf die Demonstranten richtet. “Das ist ein Polizist” behauptete Mena. Und dann schaute er mich verstaenislos an. “Die Polizei filmte den Protest. Warum macht sie das ? “ fragte er mich.
Mohamed steht sozusagen auf der anderen Seite, er arbeitet fuer eine sehr bekannte Bank, er faehrt ein weisses amerikanisches Auto mit Ledersitzen. Er lebt mit seiner Familie in einer Villa in einem Vorort von Cairo. “Ich denke, dass es in den Slums brodelt”, sagte er zu mir. “Irgendwann werden die Armen ueber die Reichen herfallen und sich alles nehmen, was sie brauchen”, fuhr der 24 jaehrige fort. “Wir sind doch eingekreist von den Slums. Irgendwann werden die Hungrigen wie wilde Tiere in die Innenstadt stroemen.”
Ich erinnere mich daran, als Karim vor mir sass. Und er sagte: “ Du siehst doch selbst, wie enorm die Unterschiede zwischen arm und reich hier sind.”
Ich nickte – auch wenn ich blind sein wuerde, koennte ich das erkennen.
Karim seufzte: “Weisst du, wie die Armen sich hier fuehlen, wenn sie den Reichtum der anderen sehen ?” Er lebt mit seiner Familie in einem Stadtteil, der fuer seine Armut sehr bekannt ist. “Da kannst du als westliche Auslaenderin nicht einfach durch die Strassen gehen. Ansonsten fressen dich die Leute dort auf”, hatte Karim mir einmal gesagt. Er wohnt in dem besseren Teil des Bezirkes. Gegenueber von den Bahnschienen. Ein grosser Muellcontainer steht vor der Haustuer. Katzen fressen sich durch die weggeschmissenen Reste.
Es stinkt – vor allem im Sommer, wenn die Temperaturen ueber die 40 Grad Marke steigen.
Karim war aufgebracht, als ich seine Stimme am Telefon hoerte. Seine Mutter war vor Kurzem gestorben und er musste einige Unterlagen zu einer Behoerde bringen. “Du kannst dir gar nicht vorstellen, was ich auf dem Weg dorthin gesehen habe.” Sagte er zu mir. Er erzaehlte mir, dass er die Gegend, in die er in seinem Bezirk gehen musste, um zu dieser Behoerde zu gelangen, vorher nicht kannte. “Und dann hat es mich wie einen Schlag getroffen. So etwas habe ich wirklich noch nie gesehen.” Er stockte. “Ich habe gedacht, ich gehe durch ein Rattennest. Die Kinder spielten im Muell, die Menschen waren dreckig und verwahrlost. Wie Kakerlaken.” Er stockte wieder. “Die Haeuser waren zerfallen, die Leute sassen wie Tiere in den staubigen Strassen.” Er seufzte: “Obwohl ich schon so viel Armut in meinem Leben gesehen habe, so etwas schreckliches habe ich vorher noch nie entdeckt.”
Karim seufzte: “ Die Armen hassen die Reichen. Und die Armen wollen die Reichen auffressen – so gross ist die Wut.”
Wahrscheinlich bin ich ignorant, einfaeltig, vielleicht bin ich durch all diese Geschichten schon verbittert geworden – ich weiss es nicht.
Aber ich ertappe mich dabei, wie ich mich schaeme, wenn ich in die sogenanten reichen Stadtteile von Cairo fahren muss. Wenn der Taxifahrer das Fenster runterlaesst und ich ihm den Bezirk nenne, in den ich hinfahren will - dann schauert es mir. Und ich denke oft:”Hoffentlich denkt er jetzt nicht, dass ich dort wohne – und hoffentlich denkt er jetzt nicht, dass ich stolz darauf bin, aus der sogenannten ‘reichen” Welt zu kommen.”
Denn meistens schaeme ich mich dafuer.
Meistens schaeme ich mich dafuer, eine weisse Hautfarbe zu haben.
Ich hoere die Stimmen, die mir immer wieder sagen “Hoere auf ueber all die Ungerechtigkeitenn in der Welt nachzudenken – du kannst es eh nicht aendern.”
Und ich sehe die verstaendnislosen Gesichter, wenn ich diesen Menschen antworte : “ Ich bin doch nicht blind. Ich habe auch keinen Knopf in meinem Gehirn, den ich einfach an und ausschalten kann, so wie mir der Sinn steht.”
Sie verstehen es einfach nicht. Ihren Knopf haben sie sofort bei der Geburt ausgeschaltet.
Ich frage mich einfach nur: ‘Welche unheilbare Krankheit hat unser Planet, dass er solche anscheinend uneheilbaren Widerwaertigkeiten entstehen laesst ?”
Wie ein Krebsgeschwuer.
Ich habe lange darueber nachgedacht, ob ich diesen Teil des Textes einfach loesche. Die “Delete” Taste druecke. Aber ich habe mich dagegen entschieden.
Ich habe mich dagegen entschieden, das Maul zu halten.
Ich denke, es ist laengst an der Zeit aufzuhoeren, staendig alles wegzuloeschen.
Ich moechte, dass Ihr da draussen in der Aussenwelt wisst, dass ich mich jetzt gerade am Liebsten an mein Fenster stellen moechte .Und einfach nur schreien will.
Ja, Ungerechtigkeiten zu sehen und den Fluch oder die Begabung zu haben diese Ungerechtigkeiten auch noch fuehlen zu koennen – das tut verdammt weh.
Es drueckt mir die Kehle zu.
Und ich wette, es gibt niemanden da draussen, der nicht sehen kann, das hier – auf Planet Erde – etwas ganz gewaltig schief laeuft. Und die meisten von uns gucken auch noch schweigend und achselzuckend dabei zu.
Als ob es uns nichts angehen wuerde.
Ich frage Euch: “An wen habt Ihr Eure Seele verkauft ?”
“Manchmal denke ich an Selbstmord”. Wie ein Faustschlag traf mich dieser Satz. Es war frueh am Abend und Ahmed ruehrte den Zucker in seinem schwarzen Tee. “Ich habe in diesem Land keine Zukunft, ich werde niemals viel Geld verdienen. Ich bin Menschenrechtsaktivist, ich kann nichts anderes tun – aber wie soll ich damit ueberleben ?” Er senkte den Blick und legte den Loeffel zur Seite.
“Entweder toete ich mich irgendwann. Oder ich versuche alles um auszuwandern.“ Ahmed traegt eine Brille, seine Haare sind lockig, er hat kleine Geheimratsecken. “So viele Leute sprechen davon, dass wir hier in Aegypten eine Revolution brauchen – aber niemand faengt damit an.”
Saad Eddin Ibrahim kehrte vor einigen Tagen fuer einen kurzzeitigen Urlaub nach Aegypten zurueck,
Wegen Diffamierung Aegyptens wurde der Menschenrechtsaktivist im Jahr 2000 zu einer Haftstrafe zu sieben Jahren verurteilt. Saad Eddin Ibrahim gilt als starker Kritiker an der Regierung unter Hosni Mubarak. Nach internationalen Protesten hob das oberste Zivilgericht die Verurteilung auf – er wurde aus der Haft entlassen. Doch nur einige Jahre spaeter wurde er erneut verurteil – wieder wegen Diffamierung Aegyptens. Seine Strafe : Zwei Jahre Haft auf Bewaehrung.
Saad Eddin Ibrahim ging ins Exil.
In der Zeitung “Daily News Egypt” konnte ich vor einigen Tagen ein Interview mit ihm lesen.
“Gibt es am Horizont eine Revolution in Aegypten ?” wurde Saad Eddin Ibrahim gefragt.
Und er antwortete: “Vor allen Revolutionen sind bestimmte soziale Proteste vorausgegangen – in zunehmeder Zahl und Teilnehmer. Es ist eine Revolution am Horizont, ob es gewalttätig ist oder nicht, hängt von dem Regime ab. Wenn die Regierung zu Gewalt greift, dann wird das Volk zurueckschlagen.”
Kristin Jankowski
www.elma7rosa.net