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Freiheit und Gerechtigkeit für Doğan Akhanlı

Ich zum Beispiel wurde im Alter von 18 Jahren festgenommen, weil ich an einem Kiosk eine damals linke Zeitung, die heute rassistische Positionen vertritt, kaufte. Elf Tage wurde ich „befragt“; fünf Monate war ich dann im Gefängnis Toptasi. Als ich auf freien Fuß gesetzt wurde, hatte ich nicht nur die Aufnahmeprüfung für die Universität verpasst, sondern mir waren auch viele Wege versperrt, die mir das Leben hätte bieten können.

Doğan Akhanlı, „Die Fremde und eine Reise im Herbst“

Aufruf | Çağrı | Appeal

Der Schriftsteller und Menschenrechtler Doğan Akhanlı ist am 10. August 2010 in die Türkei ein-gereist. Nicht heimlich, nicht auf Umwegen, sondern unter eigenem Namen, mit eigenem deutschen Pass und über den Istanbuler Flughafen. Er wollte seinen Vater und sein Heimatdorf besuchen.

Seit dieser Stunde sitzt er in türkischer Haft. Die Staatsanwaltschaft will ihn lebenslang hinter Gitter bringen, unter verschärften Haftbedingungen. Der Vorwurf: Akhanlı sei Kopf einer bewaffneten linken Organisation gewesen, die die türkische Ordnung habe stürzen wollen. Deswegen habe er an einem Raubüberfall auf eine Wechselstube teilgenommen, der am 20. Oktober 1989 in Istanbul verübt und bei dem der Besitzer dieser Wechselstube getötet wurde.

Doğan Akhanlı hat nichts davon getan. Tatsächlich hat die Staatsanwaltschaft auch keine Beweise gegen ihn in der Hand. Ihre beiden ehemaligen Zeugen haben im August 2010 bei Gericht und damit aktenkundig zu Protokoll gegeben, dass ihnen die Doğan Akhanlı belastenden Aussagen 1992 durch Folter abgepresst oder schlicht untergeschoben wurden. Zudem wurde die besagte militante Orga-nisation, deren Mitglied Akhanlı nicht einmal war, vom türkischen Innenministerium Mitte der 90er Jahre als nicht umsturzrelevant eingestuft.

Eine Justiz, die diese Fakten übergeht, erfolterte und überdies korrigierte Aussagen verwendet, muss sich fragen lassen: Warum hält sie einen offensichtlich Unschuldigen, der während seiner Haftzeit 1975 und 1985 schwer gefoltert wurde, dennoch in Haft, lehnt sämtliche Haftbeschwerden ab und macht ihm den Prozess?

Doğan Akhanlı war linker Aktivist, tauchte nach dem Militärputsch vom 12. September 1980 unter, wurde verhaftet, saß mehr als zwei Jahre im Gefängnis und floh 1991 nach Deutschland. Im Exil wurde er Schriftsteller, kritisiert kompromisslos die staatlichen Gewaltverbrechen des 20. Jahrhunderts in der Türkei und anderen Ländern, darunter den Genozid an den Armeniern. Als Menschenrechtler organisiert er den Dialog von Menschen unterschiedlicher Herkunft über die Folgen von staatlicher Willkür und Völkermorden. Mit anderen fordert er die Aufklärung des Mordes an Hrant Dink. Soll er dafür büßen?!

Am 8. Dezember 2010 wird die 11. Strafkammer des Strafgerichts Istanbul den Prozess gegen Doğan Akhanlı eröffnen und zeigen müssen, ob sie den unseligen Traditionen der Gesinnungsjustiz anhängt oder die Fakten nach rechtsstaatlichen Kriterien wertet.

Wir fordern die sofortige Freilassung von Doğan Akhanlı.
Wir fordern Gerechtigkeit.

29. Oktober 2010

Erstunterzeichner:
Martin Glasenapp (medico international)
Ursula Mende, Bundesgeschäftsführerin der Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen
Osman Okkan, Vorstandssprecher des KulturForums TürkeiDeutschland
Christa Schuenke, Vizepräsidentin und Writers-in-Exile-Beauftragte des P.E.N.-Zentrums Deutschland
Dr. Christian Staffa, Geschäftsführer der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste
Günter Wallraff, Schriftsteller

Weitere Unterschriften leisten bitte bei: http://gerechtigkeit-fuer-dogan-akhanli.de/blog/

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