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Freiheit für Leonard Peltier! zwei Briefe

Seite des
Leonard Peltier Defense Offense Committee

Übersetzung zweier jüngerer Briefe von Leonard Peltier und kurzer Hintergrund der Verhaftung und Verurteilung des Aktivisten des AIM American Indian Movement

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LEONARD PELTIER – Brief aus dem Gefängnis Lewisburg

6. Februar 2010

Grüße an euch alle,
Vierunddreißig Jahre. Es klingt für mich nicht einmal wie eine wirkliche Zahl. Nicht, wenn man wirklich darüber nachdenkt, so lange in einer Gefängniszelle zu sein. All diese Jahre, und ich schwöre – noch immer denke ich manchmal, ich werde aus diesem Alptraum aufwachen, in meinem eigenen Bett, in meinem eigenen Haus, mit meiner Familie im Zimmer daneben. Ich hätte mir etwas derartiges niemals vorstellen können. Sicher liegt der einzige Ort wo Menschen 34 Jahre ungerecht eingesperrt werden in einem fernen Land, in Büchern oder Märchen.

Es ist so lange her, daß ich aufwachte wann ich es wollte, daß ich gearbeitet habe was ich tun wollte, daß ich liebte wen zu lieben ich bestimmt war oder das getan habe was ich brauchte. Es ist so lange her – lange genug um zu sehen, wie meine Kinder Enkel bekommen haben. Lange genug, daß viele meiner Freunde und Liebsten im Verlauf eines normalen Lebens gestorben sind während ich hier war und nicht in der Lage, sie in ihren letzten Tagen zu begleiten.

So oft in meinem täglichen Leben schleicht sich der Gedanke ein – „Ich verdiene dies nicht“. Er bleibt wie Säure in meinem Mund. Aber ich muß diese Art von Gedanken wegschieben. Vor langer Zeit bin ich eine Verpflichtung eingegangen, viele von uns haben das getan. Manche haben nicht gemäß dieser Verpflichtungen gelebt, und manche von uns hatten keine Wahl. Joe Stuntz hatte keine Wahl. Noch hatte sie Buddy Lamont. Ich habe niemals gedacht, daß meine Verpflichtung ein Opfer wie dies bedeuten würde, aber dennoch war ich entschlossen, so zu handeln. Und in der Tat, wenn es notwendig ist handele ich noch einmal ganz genau so, weil es richtig war, so zu handeln. Wir sind nicht zu einer Feierlichkeit gegangen und sagen „ ich kämpfe für das Volk so lange, wie es nicht all zu viel kostet.“ Wir haben gebetet, und wir haben gegeben. Wie ich sagte, manche von uns hatten keine Wahl. Unsere einzige andere Option war wegzulaufen, , und wir konnten nicht mal das. Damals, da gab es keinen Platz mehr wohin wir hätten laufen können.

Ich habe so viele Tränen vergossen während dieser mehr als drei Jahrzehnte. Wie bei den vielen Familien, die direkt betroffen sind von dieser ganzen Serie von Geschehnissen, sind die Tränen meiner Familie nicht zu knapp geflossen. Unsere Tränen haben sich vereint mit all den Tränen aus über 500 Jahren Unterdrückung. Gemeinsam kommen unsere Tränen zusammen und bilden einen gigantischen Fluss des Leids und, wie ich hoffe, der Reinigung. Ungerechtigkeit ist niemals endgültig, sage ich mir selbst immer wieder. Ich bete, daß dies für uns alle wahr ist.

An jene, die wissen, daß ich unschuldig bin, danke für euren Glauben. Und ich hoffe, ihr fahrt fort, für meine Befreiung zu arbeiten. Das bedeutet, für die Schaffung von Wahrheit und Gerechtigkeit zu arbeiten. An jene, die mich für schuldig halten, euch bitte ich, an die Herrschaft des Gesetzes zu glauben und dafür zu arbeiten. Selbst das Gesetz sagt, daß ich inzwischen frei sein sollte, unabhängig von Schuld. Was mir widerfahren ist, das ist keine Gerechtigkeit, das ist nicht das Gesetz, das ist nicht fair, das ist nicht richtig. Das war eine lange Schlacht in einem noch viel längerem Krieg. Aber wir müssen wachsam bleiben, weil unsere Sache gerecht ist. Nach all dieser Zeit kann ich nur um dies bitten: Gebt nicht auf. Niemals. Bleibt mit mir zusammen in diesem Kampf. Leidet mit mir. Seid bedrückt mit mir. Haltet aus mit mir. Glaubt mit mir. Überdauert mit mir. Und eines Tages, feiert die Freiheit mit mir. Hoka hey!
In the Spirit of Crazy Horse
Leonard Peltier

( Der 6. Februar 2010 war der 34. Jahrestag der Verhaftung von Leonard Peltier wegen eines Verbrechens, das er nicht begangen hat, der Tötung von zwei Bundespolizisten.)

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LEONARD PELTIER – 6.9.2010

Schwestern, Brüder, Freunde und Unterstützer,
ich wünsche, ich könnte jetzt mit euch am Tisch sitzen. Wir haben gemeinsam gegessen und diskutieren über die Veränderungen in der Welt in diesen 35, oder so, Jahren. Ja, ich gebe meine Aufmerksamkeit den Dingen draußen ( so weit das möglich ist). Ich weiß, daß die Welt in Aufruhr ist, und ich sehne mich nach den Native People, die in den Reservaten oder den Innenstädten quer durch Amerika dahinsiechen.

Als junger Mann war alles, was ich tun wollte, eine positive Differenz im Leben des Volkes zu schaffen. Ich werde nächste Woche 66 Jahre alt werden, und ich will das noch immer. Doch es ist schwierig, unter meinen derzeitigen Bedingungen eine Wirkung zu erreichen. Das ist für mich eine dauernde Quelle der Frustration. Wenn ich draußen wäre und die Möglichkeit hätte, meine Ärmel wieder aufzukrempeln, nehme ich an, daß ich auch irgendwie frustriert wäre. All das, was getan werden muß, ist mehr als irgendeine einzelne Person erreichen kann. Ich hätte weiter gern die Gelegenheit, meinen Teil beizutragen.

Wenn ich an jene Tage in Pine Ridge zurück denke, dann ist das, woran ich mich erinnere die Begräbnisse. Es gab so viele Begräbnisse... So viele Familien verloren ihre Liebsten.

Es war damals im Reservat eine mächtige Kraft an der Arbeit, eine mit einem einzigen Ziel – den letzten Widerstand des Lakota-Volkes auszulöschen.

Wir (die traditionellen Oglala und Mitglieder des American Indian Movement) erhoben uns, weil wir versuchten, unser Volk zu verteidigen. Es war das Richtige, was wir getan haben. Wir hatten – haben – das Recht zu überleben.

Auch das Land wurde gestohlen... meistens, um es durch Bergbau auszubeuten. Kein Gedanke wurde verwendet über die Beseitigung giftiger Abfälle. Die Flüsse waren voll mit Giften. Es hat sich nicht viel geändert, höre ich.

Doch in jenen Tagen war das Reservat zerrissen durch eine Stammesstreitigkeit, und die Bundesregierung bewaffnete eine Gruppe gegen die andere. Das Ergebnis war eine lange Reihe von Tragödien für das Volk von Pine Ridge ... und für die Menschen, die an jenem Tag im Juni 1975 dort waren.

Ich verstehe aufrichtig den Schmerz und die Qual, die alle Betroffenen erlitten, und ich bin ein Teil dieses Leidens gewesen. Ich habe Leute beobachtet, die im Zeugenstand zahllose Male logen und fühlte, wie sich die Türen hinter mir schlossen. Ich hörte, wie Richter Staatsanwälte ermahnten, die die Einführung falscher Beweise zuließen und – in manchen Fällen – weil sie selbst an der Fälschung beteiligt waren. Auch unterdrückte die Regierung Beweise. Oder fabrizierte sie. Buchstäblich.

... Voriges Jahr wurde, wie ihr wißt, meine Bewährung abgelehnt. Das war eine Enttäuschung, aber ich bin nicht besiegt. Mein Kampf für Freiheit – für mein Volk und für mich – ist nicht vorbei. Ich bin ein Pipe Carrier und ein Sundancer. Den Kampf aufzugeben ist keine Erwägung – und wird niemals eine sein.

Ich bin ein Indian Man und stolz darauf. Ich liebe mein Volk und seine Kultur und seine spirituellen Glauben. Meine Feinde deuten gern anderes an und versuchen, mir alle meine Würde zu rauben. Sie werden keinen Erfolg haben.

Wenn ich über alle diese Jahre zurück blicke, dann erinnere ich mich all der guten Menschen, die für mich aufgestanden sind, einen Tag lang oder ein Jahrzehnt. Sicher, viele sind mit mir den ganzen Weg zusammen geblieben. Ich denke auch an die Hunderttausenden Menschen rund um die Welt, die Petitionen für mich unterschrieben haben... Menschen aus den ärmsten der Reservate bis zu den höchsten politischen Stellen.

Wie wir während dieser vielen Jahre gelernt haben, wird meine Freiheit nicht schnell oder leicht kommen. Damit wir Erfolg haben wird die kommende Schlacht hart gekämpft werden müssen. Bitte macht weiter mit der Hilfe für mein Committee und mein Juristisches Team wie ihr es immer getan habt. Eure Unterstützung ist jetzt wichtiger als je zuvor. Wenn die Freiheit kommt, dann wird das zu einem nicht geringen Teil wegen der Aktionen sein, die ihr für mich gemacht habt.

Noch einmal, dank euch, daß ihr an mich denkt. Ihr könnt den Beistand nicht kennen, den ihr einem unschuldigen Mann bringt, der für so lange von der Welt weggesperrt wurde.

Doksha,

Leonard Peltier

(Leonard Peltier hatte am 12. September 2010 seinen 66. Geburtstag.)

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kurzer hintergrund entnommen: Freiheit für Leonard Peltier
n South Dakota ereigneten sich zwischen 1972 und 1976 ... zahlreiche Überfälle, Raube und sogenannte "Unfälle".
Chief Frank Fools Crow berichtete darüber:
"Offizielle Polizeistatistiken wiesen wesentlich weniger Übergriffe aus. Wir Oglalas wissen aber, dass viele Fälle niemals aufgeklärt [geschweige denn überhaupt untersucht] wurden. 1975 wurde pro Woche in Pine Ridge ein Mord verübt, so dass sich bis Mitte Oktober die Zahl der Getöteten auf 80 summierte."

Die von der US-Regierung inszinierte Gewalt (unter Rückendeckung von Stammesführer Dick Wilson) war gezielt auf die Zerschlagung des AIM, ihrer Sympathisanten sowie Familien gerichtet. Der selbe "Stammesführer" betrachtete den traditionell lebenden heiligen Mann Fools Crow als Feind! Großvater
Fools Crow sagte, dass Indianer wie Dick Wilson unsere (die indianische) traditionelle Kultur nicht mehr verstehen ... Der friedliebende Mann mußte im April 1975 folgendes erfahren: "... mein Leben ... wurde in aller Öffentlichkeit durch Wilson's Leute bedroht ... unser kleines Haus wurde überfallen und völlig niedergebrannt."
In dieser gewaltvollen Situation baten die traditionell lebenden Dakotas das AIM um Schutz.

Zu diesem Zeitpunkt, am 26. Juni 1975, fuhren zwei FBI-Agenten in das Pine Ridge Reservat, ohne vorherige Anmeldung und ohne Durchsuchungsbefehl.
(Einen Tag vor diesem Zwischenfall war Dick Wilson in Washington D.C., um Verhandlungen über den Verkauf von 1/8 des Lakota-Reservatslandes, ohne deren Zustimmung, zu führen.)
Eine Schießerei begann, in derem Verlauf die Agenten Coler und Williams, sowie ein Native American, Joe Stuntz, getötet wurden.

Von den vier, wegen des Mordes an den Agenten Angeklagten (niemand wurde für den Tod von Joe Stuntz verantwortlich gemacht) wurde einer mangels Beweisen freigelassen. Robideau und Butler wurden im Juli 1976 freigesprochen, nachdem die Geschworenen feststellten, dass sie in Notwehr geschossen hätten.
Leonard Peltier war der vierte Mann, der wegen des Verbrechens angeklagt wurde. Das geschah aber erst im folgenden Jahr, nachdem Leonard auf Grund einer falschen eidesstattlichen Erklärung von Kanada ausgeliefert wurde (Seitdem der US-Staatsanwalt zugab, dass diese Aussage konstruiert wurde, versucht die Kanadische Regierung Leonard wieder zurück zuholen.).
Das amerikanische Justizministerium hat zugegeben, nicht zu wissen, wer die beiden Agenten getötet hat. Trotzdem wurde der Native American Leonard Peltier zu zweimal lebenslänglicher Haft verurteilt.

Leonard's Fall war Gegenstand zahlreicher Bücher, TV-Reportagen und Filmprojekte (der bekannteste ist der 60minütige TV-Streifen "Zwischenfall bei Oglala" von Robert Redford). 20 Millionen Bürger unterschiedlicher Länder, 60 US-Kongressmitglieder, 51 Mitglieder des Kanadischen Parlaments und die New Democratic Party of Canada, die National Association of Defense Lawyers (Nationale Anwaltskammer der USA), der Erzbischof von Canterbury und der Nobelpreisträger Bischof Desmond Tutu baten das "Weisse Haus" um die Wiederaufnahme des Verfahrens.

Leonard erhielt den Internationalen Menschenrechtspreis der Spanischen Menschenrechtskommission. Im Juli 1992 wurde er für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.