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Tagebuch einer Abschiebung durch die Ausländerbehörde Gifhorn

Im Folgenden ein Bericht von der St. Alfried Kirchengemeinde in Gifhorn, der den Ablauf der Abschiebung von Milica Toskic und ihrer Mutter durch die Ausländerbehörde Gifhorn beschreibt:

Tagebuch einer Abschiebung

Milica (13) und Danijela (Mutter) Toskic

Seit Januar 2013 befindet sich Milica Toskic in psychologischer Betreuung, u. a. zur Erstellung eines Gutachtens (Suizidgefährdung). Diese Behandlung sollte im März 2013 angeschlossen sein und wurde vom Landkreis Gifhorn bezahlt. Bis dahin galt ein Moratorium. Milica’s große Lebensangst resultiert aus Morddrohungen ihres Vaters, die er ihr und ihrer Mutter gegenüber mehrfach ausgesprochen hat, auch unter Gewaltausübung.

Dienstag, 19. Februar 2013

6.35 Milica steht am Waschbecken ihrer 1-Zimmerwohnung und putzt sich die Zähne.
An der Tür klopft jemand. Milica fragt, fragt was denn los sei. „Eine Frau brauche Hilfe“, ruft jemand ihr zu. Sie öffnet sie Tür und Polizisten, ein älterer Mann (wahrscheinlich MA des Landkreises) sowie ein Arzt mit Brille stürmen das Zimmer.
Milica und ihre Mutter werden aufgefordert, sofort zu packen und sich der Abschiebung zurück nach Serbien nicht zu widersetzen. Der Arzt zwingt Milica, ein Beruhigungsmittel zu schlucken, ohne die medizinische Verträglichkeit zu prüfen.
Andere Polizisten (sechs!) haben den Wohnblock umstellt.
Verzweifelt ruft Milica von ihrem Handy bei Frau Wrasmann an. „Komm schnell, bitte komm schnell, hier sind ganz viele Polizisten, die uns abholen.“ Das Telefonat wird unterbrochen, im Hintergrund ist lautes Schreien und Gepolter hörbar.

6.45 Milica ruft noch mal an, total verzweifelt: „Bitte komm, hole einen Anwalt.“ Ein
Polizist übernimmt den Hörer. Ich (Frau Wrasmann) sage ihm, dass Milica suizid- gefährdet ist, er möge auf sie aufpassen. Sehr freundlich antwortet er mir, wir bräuchten uns keine Sorgen machen, ein Arzt sei auch anwesend.

6.50 Mein Mann und ich stehen vor Milicas Wohnung. Nur noch Spuren im Schnee
(Autoreifen, Fußspuren), wie nach einem gewaltigen Überfall. Milica und Danijela Toskic sind weg, so schnell kann ein Staat handeln, wenn er will. Die Wohnung ist ein Ort der Verwüstung, ganze Arbeit. Es herrscht eine unheimliche Stille.

9.45 Milica ruft an, sie ist auf der Polizeiwache in Gifhorn. „Bitte hol einen Anwalt, bitte, bitte hilf mir.“ Ihr ist schlecht, seit sie das Beruhigungsmittel geschluckt hat, sie muss sich übergeben. Ich lasse mir einen Polizeibeamten geben. Sehr betroffen sagt er mir, dass Milica innerhalb der nächsten 10 Minuten von Beamten aus Hannover abgeholt und zum Flieger nach Berlin gebracht wird, der um 13.00 Uhr gen Serbien startet. In der Zwischenzeit versuchen der Anwalt und wir, alle rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, um doch noch einen Abschiebestop zu erreichen.

10.30 Milica ruft verzweifelt aus dem Auto nach Berlin an: „wo soll ich hin, wir haben alles verloren!“ Sie weint fürchterlich. „Bitte sag der Psychologin, dass ich nicht mehr kommen kann.“ Ich verabschiede mich von Milica, sie weinte und weinte, war total verzweifelt.. Ich habe sie beruhigt und sie gebeten, sich nach ihrer Ankunft in Serbien bei uns zu melden.

Mittwoch, 20. Februar 2013

Wir telefonieren. Milica ist jetzt irgendwo in Serbien, ihre Oma hat sie bei Bekannten versteckt (zum Schutz vor dem gewaltbereiten Vater). Milica erzählte von ihren Erlebnissen am Berliner Flughafen. Sie mussten sich komplett ausziehen, sie wurden in jeder Körperfalte gefilzt. Ihre Mutter wurde von einer Beamtin angeschrien („Du Arsch“) und hin und her gestossen, sie fiel hin und wurde ärztlich versorgt.

Freitag, 22. Februar 2013

Milica ruft an, sie hat sehr viel Angst und ich mache mir große Sorgen, dass sie sich etwas antut. Sie fragt, ob es irgendeine Möglichkeit gibt, wieder nach Gifhorn zurück zu kehren. Ihr fehlt die Schule und ihre Freundinnen. Armes Mädchen – sie steht vor dem Nichts.

Einordnungen:

Milica besuchte mit großen Erfolg die Sprachförderklasse der Freiherr von Stein Schule (8. Jahrgang), einer Schule, die sich für ihre Migrationsfähigkeit rühmt. Von Milica’s Abschiebungbedrohung nimmt die Schule keine Notiz,.
Sie hat sich mit ihrer Mutter auf die Taufe vorbereitet und beide wären in der Osternacht 2013 getauft worden. Die Feier der Erstkommunion war für den 12. Mai 2013 geplant.

Außer Milica und ihrer Mutter sind am 19. Februar 2013 weitere drei Familien mit zum teil kleinen Kindern aus dem Flüchtlingswohnheim in Meinersen deportiert worden.
Wenn schon, denn schon, ein nur halb voller Flieger verursacht viel zu hohe Kosten.

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