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Ein Jahr ununterbrochener, revolutionärer Flüchtlingswiderstand

Türkçe: BİR YILDIR HİÇ BİTMEYEN DEVRİMCİ MÜLTECİ DİRENİŞİ

Ein Bericht von Turgay Ulu, geschrieben am 19.3.2013 in Kiel
abgedruckt in der 6. Ausgabe unserer Zeitung "THE VOICE of Refugees and Migrants"

Unser Widerstand, den wir gegen die unmenschlichen Bedingungen begonnen haben, unter denen Flüchtlinge in Deutschland und Europa leben müssen, wird bald ein Jahr alt. Auch vorher gab es verschiedene Widerstandsbewegungen und Kampagnen in Deutschland aber unsere aktuelle Bewegung hat seit einem Jahr die Straße nicht verlassen.

Zunächst haben wir auf lokaler Ebene Aktionen organisiert, indem wir in Flüchtlingslagern demonstrierten, Informationsblätter verteilten, Kantinen besetzten, Zelte aufgeschlagen und Hungerstreiks begonnen haben. Diese Methoden waren jedoch nicht ausreichend, da die Flüchtlingspolitik in Deutschland zentral und entlang bestimmter Gesetze geführt wird.

Die Gesetze und Regelungen, die in deutschen Flüchtlingslagern herrschen, etwa das Gutscheinsystem, die Residenzpflicht oder Abschiebungen bilden alle ein kompliziertes Isolationssystem.

Wir haben vor einem Jahr unsere Forderungen in drei Punkten zusammengefasst und entschieden, mit diesen Forderungen in die Hauptstadt Berlin zu marschieren. Wir sind nach Berlin gekommen, weil es die Hauptstadt ist: Der Bundestag befindet sich hier, die Gesetze, die uns zu Isolation verurteilen, werden hier verabschiedet.

Wie alle Aufstände in der Geschichte, haben auch wir uns entschieden, unseren Aufruhr ins Zentrum zu tragen. Nach Berlin zu marschieren, hatte auch den Zweck, die Aufmerksamkeit aller Flüchtlinge in allen Flüchtlingslagern bundesweit zu erlangen.

Der 600 Kilometer lange Protestmarsch, den wir in Würzburg begonnen haben, hat 29 Tage gedauert. Auf unserem Weg haben wir Flüchtlingslager besucht und die Sklavenverhältnisse in diesen abgelegenen Orten angeprangert.

Es gab Flüchtlinge, die seit Jahrzehnten in diesen Isolationslagern warteten, was zu diversen psychologischen Problemen geführt hatte. In diesen Lagern finden zahlreiche Suizide und Suizidversuche statt. Auch unser Protestmarsch hat so begonnen. Der iranische Flüchtling Mohammed Rahsepar hatte sich in Würzburg erhängt. Er hat die Ausgrenzung, das isolierte Leben nicht mehr aushalten können.

Parallel zum Freiheitsmarsch tourte ein Bus auf derselben Route. Auch dieser Bus hat viele Lager auf dem Weg besucht und die hiesige Isolation aufgedeckt.

Die Marschierenden und die Bustour haben sich in Berlin getroffen und das Protestcamp am Oranienplatz gegründet. Eine weitere Gruppe hat am Brandenburger Tor einen Hungerstreik begonnen.
Während eines Jahres Widerstand sind wir öfter den Angriffen von Faschisten und von Polizisten ausgesetzt gewesen. Des Öfteren wurden wir in Untersuchungshaft genommen und verletzt.

Wir haben Botschaften besetzt, welche gemeinsam mit der deutschen Regierung Abschiebungen organisieren. Während dieser Besetzungen hat uns die Polizei mit Tränengas und Baseballschlägern angegriffen. Wir haben in Berlin eine große Schule besetzt, hier leben wir immer noch.
Das Isolationssystem ist nicht nur ein Flüchtlingsproblem. Unser Widerstand gilt den imperialistischen und unrechten Kriegen, weil sie der Hauptgrund für die Flucht sind.
Die EU-Gesetze besagen, dass „jeder Mensch sich frei bewegen“ darf. Der Genfer Konvention zufolge hat jeder Mensch das Recht auf Asyl, wenn er aus berechtigten Gründen um sein Leben fürchtet. Aber das in ganz Europa angewandte System beruht auf Bestrafung. Es besteht in diesem System kein Unterschied zu einem Gefängnis.

Im Laufe unseres ununterbrochenen Widerstandes sind wir diesmal mit einer revolutionären Bustour von Berlin zu Lagern in ganz Deutschland gefahren. Während unserer Lagerbesuche wurden wir mehrmals von der Polizei angegriffen und es gab Verhaftungen und Verletzte.

Der Staat fühlte sich von unseren Aktionen gestört, weil wir die Ausbeutung und Isolation enthüllten, die er zu verheimlichen versuchte. Wir hatten die Büchse der Pandora ganz weit geöffnet.
Neben dem Parlament, der Polizei, den zivilen Faschisten, fühlten sich auch die in den Kapitalismus integrierte Linke und die bürokratisierten Hobby-Oppositionellen von uns gestört.
Wir haben in die Hände der Polizei gebissen, die uns mit allen Mitteln angegriffen hat. Deshalb haben sie uns als „Kriminelle“ stigmatisiert. Sie bombardieren die Länder, in denen wir leben, schüren Kriege, stacheln ethnische Unruhen an, um die dortigen Ressourcen und Energiequellen zu kontrollieren. Wir beißen ihre Fäuste, ihre Bomben. Sie sind die Kriminellen.Wir verteidigen uns lediglich.

Unser Widerstand hat sich bundesweit ausgeweitet. Und nicht nur in Deutschland, auch in Europa. In anderen EU-Ländern wurden nach unserem Beispiel ähnliche Aktionsmodelle und Widerstandsbewegungen organisiert. Wir haben uns durch das Internet und durch Besuche vernetzt, und miteinander solidarisiert.

Wir haben bewiesen, dass es möglich ist, auf der Straße, ohne Staat, ohne Führer, kollektiv zu leben. Zahlreiche Gesellschaftsgruppen haben uns unterstützt. Alle Menschen, die zu uns gekommen sind, sind irgendwie bewusster geworden und wurden politisiert. Der Widerstand hat uns frei gemacht. Wir führen ein anderes Leben auf der Straße, das der kapitalistischen Klassengesellschaft entgegengesetzt ist. Gemeinsam treffen wir Entscheidungen und gemeinsam praktizieren wir sie. In unseren Plena haben alle ein Sprachrecht. Alle können widersprechen.

Das kapitalistische System der Isolation beeinflusst auch die anderen Schichten der Gesellschaft. Sofern die Krise des Kapitalismus zunimmt, werden die Lebensbedingungen der Arbeiterinnen und Arbeiter, der Arbeitslosen und der Kleinhändler schwieriger. Konkrete offensichtliche Beispiele dafür erleben wir in Europa in Griechenland, Italien, Portugal und Spanien. Die Krise rückt nun mehr in die Zentren. Die Zahl der arbeitslosen Menschen steigt täglich. Das Rentenalter wird erhöht. Die Mieten steigen permanent.

Wir führen mit allen vom Kapitalismus und Rassismus betroffenen Menschen gemeinsamen Widerstand und Aktionen durch. In Berlin und in anderen Regionen Deutschlands beschäftigen sich oppositionelle Gruppen in ihren Medien mit unserem Widerstand.

Der durch uns auf der Straße durchgeführte und notwendige Widerstand hat Respekt erlangt. Eine breite Unterstützergruppe ist erreicht worden,weil wir in Europa den Widerstand und die Aktionen verwirklicht haben, die zuvor nicht derart durchgeführt worden waren. Bei unseren Aktionen haben wir zeitweise Tausende auf die Straßen mobilisiert.

Trotz jeglicher Drohungen und Angriffe sowie Abschiebungsandrohungen haben wir nicht kapituliert. Wir haben alles riskiert. Auf diese Weise haben wir Flüchtlinge, die in Angst und Furcht in Lagern leben, ermutigt.Nunmehr schließen sie sich uns an und organisieren in den Lagern, in denen sie leben, selbst Widerstände.

Wir führen alles auf der Straße durch. Unsere Theorie erproben wir auf der Straße. Dieser Artikel wird auf der Reise zu einem Flüchtlingslager geschrieben. Vielleicht müssen wir uns gleich bei der Ankunft mit der Polizei auseinandersetzen und kämpfen. Auch die Praxis führen wir selbst durch. Auch die Theorie dieser Widerstände entwickeln wir selbst. Niemand versucht uns von außen zu dirigieren, weil wir dem durch unsere Praxis vorbeugen. Alles passiert auf der Straße. Unsere Aktivitäten sind weder Freizeitbeschäftigung noch Hobby. Wir sind mit unseren Körpern und Gedanken auf der Straße.Unser Widerstand hat seine Schwierigkeiten aber auch seine Schönheiten. All das erleben wir in einem.

Wir, die von unterschiedlichen Orten der Welt, aus unterschiedlichen Kulturen und mit verschiedenen Sprachen zusammengekommen sind, können uns ganz einfach verstehen. Wir lernen voneinander, von unseren Erfahrungen und Vielfältigkeit. Auch wenn wir nach schwerwiegenden Auseinandersetzungen mit der Polizei verletzt oder in Haft genommen wurden, haben wirdanach gemeinsam mit der Musik getanzt.
Wir haben nichts zu verlieren und dies verbindet uns. Wir bezeichnen uns nicht als klug. Wir lehnen den Optimismus ab. Wir fügen uns nicht den Regeln der Klassengesellschaft. Aus diesem Grund können wir uns als Barbaren bezeichnen. Im Herzen Europas wehren wir Barbaren uns ohne jegliche Tricks gegen die Diebe, die unsere Rohstoffe, die Produkte unserer Arbeit und unsere Kultur plündern.
In den Großstädten haben wir während unseres Freiheitsmarsches viele Menschen mobilisiert, welche sich an unseren Aktionen beteiligt haben, in Erfurt 700, in Leipzig 1000 und in Berlin 8000. Am 23. März 2013 wollen wir Tausende Menschen zu unserer Flüchtlingsrevolutionsdemo mobilisieren. Wir werden von unserem Widerstandsort, dem Oranienplatz, zum Bundestag marschieren.

Wir werden unseren Widerstand und unsere Aktionen solange fortführen, bis sich die uns in die Isolation verurteilenden Gesetze ändern. Wir akzeptieren das uns auferlegte Sklavenleben nicht. Seit einem Jahr verstoßen wir massenhaft gegen die Residenzpflicht.

Die Europäische Union beschließt neue Gesetze und Vereinbarungen, um das Leben der Flüchtlinge weiter einzuengen und sie leichter abzuschieben. Wir erproben gegen diese Angriffe neue Widerstandsmodelle.

Nunmehr gibt es in Deutschland eine Flüchtlingsorganisierung. Jeder muss uns als Ansprechpartner akzeptieren. Bei Problemen in den verschiedenen Flüchtlingslagern werden wir angesprochen. Es wird von uns erwartet, dass wir für die Probleme dort Lösungen finden.

Durch die elektronischen Türen, die Kameras und die Sicherheitsangestellten sind die Flüchtlingslager ein Abbild der Kontrollgesellschaft. Das Modell der Kontrollgesellschaft möchte einen gehorsamen Menschen schaffen. Sie zwingen uns ein hirnloses Roboterleben auf. Das ist das Gesellschaftsmodell, das der Kapitalismus für die Zukunft schaffen will. Eine Gesellschaft, die ständig unter Beobachtung und Kontrolle gehalten wird.

Die Flüchtlingslager in Deutschland sind ein Symbol des Kolonialismus. So wie die Menschen in kolonialisierten Regionen dem Druck, der Ausbeutung und dem Tod ausgesetzt sind, werden sie hierzulande zu einem ähnlichen Leben verurteilt.

Während des einjährigen Widerstandes haben wir reichlich Material gesammelt. Während des Widerstandes haben wir jeden Tag geschrieben. Wir haben Filme gemacht. Wir haben Interviews durchgeführt. Wir haben Flüchtlingskongresse organisiert. Wir werden ein internationales Flüchtlingstribunal durchführen. Wir organisieren den Frauenwiderstand.

Auch wenn sich die Isolationsgesetze nicht ändern, fühlen wir uns durch unseren Widerstand auf der Straße befreit. Wir brechen jegliche Verbote und Einschränkungen. Die rassistischen Angriffe sowie die Polizeibrutalität haben unseren Widerstand nicht aufhalten können.

Durch das Dublin II Abkommen sowie FRONTEX verlieren täglich hunderte von Menschen ihre Perspektive. Hunderte verlieren ihr Leben in den Tiefen des Meeres bei der Flucht zwischen den Kontinenten. Sie führenein elendiges und hungriges Leben. FRONTEX arbeitet wie eine internationale Armee.
Wir haben zwei Möglichkeiten: Entweder fügen wir uns dem System der Isolation und leben wie verängstigte Sklaven oder wir kämpfen gegen das System und wehren uns, weil wir als Menschen leben wollen. Wir wollen durch Widerstand und Aktionen unsere Freiheit erlangen. Dafür stehen wir.

Es lebe dieMenschlichkeit und unsere Einheit im Widerstand

19.3.2013
Turgay Ulu
Kiel

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